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Vom Arztdasein in Amerika – 09.10.2012

Das dicke „O“ des Dr. Obama

Eine Visite aus Sicht eines US-amerikanischen Republikaners: Morgens um 7 Uhr, während die demokratische Patientin noch schläft, tritt der republikanische Arzt, der schon seit zwei Stunden arbeitet, ins Patientenzimmer zur Visite einer Demokratin ein. Er kommt zur 47-jährigen, deutlich übergewichtigen Patientin, die an einer hypertriglyzeridbedingten Pankreatitis erkrankt ist und weckt sie auf. Sie ist ungehalten – schon so früh?”. Der Ehemann schläft neben ihr, trägt sein Obamakampagnenhemd seit Tagen und das O” von Vote Obama” ist um seinen halben Bauch herum aufgrund des Leibesumfanges gedehnt; es springt jedem sofort ins Auge.

Der republikanische Arzt weiß, dass die Patientin Medicaid bezieht, sie also Staatsgelder erhält und keinen Cent auβer ihren minimalen Steuern für ihr Krankenversicherung beiträgt. Das bedeutet, dass er somit sich gerade selber seine eigene Visite bezahlt, sieht man von der Tatsache ab, dass der Staat das von Medicaid ihm bezahlte Visitengeld zum Steuersatz von 34% bei ihm versteuert, und er somit eben nur 66% seines eigenen Nettosteuergeldes wieder zurückerhält und somit einen Abschlag hinnimmt für die Visite. „Ineffizientes Staatssystem”, denkt er bei sich bei diesem Gedanken.

Die Patientin hat ihre Erkrankung – zum großen Teil – selbst verschuldet, das ist klar. Gewichtsabnahme ist für fast jede Erkrankung die einfachste Lösung in der modernen Gesellschaft, wie jeder Internist es bei adulten Patienten propagieren sollte. Doch wie unendlich schwer für so viele.

Die Patientin will davon nichts wissen – wissen Sie, wie weh mir meine Knie tun? Wenn sie doch erst einmal ersetzt wären!” und beschwert sich, dass nicht jeder Orthopäde Medicaid-Patienten nimmt. „Die müsste man doch einfach zwingen” und propagiert staatlichen Zwang wie so viele Demokraten es tun. Dann fragt sie nach Medikamenten, um eine Rezidivpankreatitis zu vermeiden. Der Arzt verschreibt ihr Atorvastatin und Gemfibrozil, im Wissen, dass er das selber via Steuergelder bezahlen wird und unsicher, ob sie sie überhaupt nehmen wird. Weil sie etwas im Internet gelesen hat über Nebenwirkungen oder einfach zu beschäftigt mit Essen und Fernsehen ist.

Dann Beschweren, weil der Arzt sich nicht ausreichend Zeit genommen hat und die Patientin schon entlassen will; „damit für andere kranke Menschen das Bett zur Verfügung steht und weil alle Werte wieder normal sind”. Das akzeptiert sie nicht. Obwohl sie doch so für Dr. Obama und Gerechtigkeit eintritt, Gerechtigkeit, die Dr. Obama für alle in seinen öffentlichen Reden einfordert.

„Ja”, denkt sich der Arzt, „Gerechtigkeit für alle, aber nur wenn die anderen dafür bezahlen und man selber es nicht tut. Gerechtigkeit, die aber die eigene Freiheit nicht einschränken darf. Das ist der demokratische Weg”.

Die Familie geht endlich nach Hause, ruft jedoch noch Tage später an, weil sie Schmerzmedikamente verschrieben haben will. Sie könnten sich nicht die ambulanten Praxiskosten leisten, deshalb soll der Hospitalist die Rezepte ausstellen. „Dabei wird ein Praxisbesuch zu 100% von Medicaid bezahlt”, wie der nicht dumme republikanische Arzt weiβ, „das sind doch Ausflüchte”, stellt aber dennoch das Rezept aus, weil er einfach ein richtig netter Arzt ist.

Sie rufen ihn noch einige Male an, und beim Telefonieren schnauft der dicke Ehemann aufgrund seiner Adipositas laut im Hintergrund, und es ist klar, daβ sich das dicke „O” von Obama” auf seinem Bauch dabei immer ein wenig von links nach rechts und umgekehrt bewegt.

Es wird dem Arzt in jenem Moment zum wiederholten Mal klar, daβ Dr. Obama die Wahl gewinnen wird – denn wer will nicht so ein Leben, bei dem Gerechtigkeit herrscht, aber von den anderen und nicht einem selbst bezahlt wird. Und wo der Arzt morgens um fünf Uhr mit der Visite beginnt, wenn das Ehepaar noch am Schlafen ist. „Ein republikanischer Tag beginnt auf der einen, ein demokratischer auf der anderen”, würde der republikanische Arzt denken wenn er Zeit dafür inmitten seiner Visite hätte.


Leserkommentare

L.A. am Freitag, 12. Oktober 2012, 11:32
Beispiel: Vererbung der Intelligenz
@ regionnord - Die Intelligenz jeden Menschen ist zu (mindestens) 50 Prozent durch die Gene festgelegt ! Auch wenn es unserer Idee von der Gleichheit der Menschen total widerspricht, es ist so ! Die Menschen sind nicht gleich, sondern verschieden !
Das mit der "Epigenetik" ist ein neues interessantes Gebiet. Warten wir ab...
Patroklos am Donnerstag, 11. Oktober 2012, 19:55
Nett.
Eine nette Persiflage. Diese Karikatur der politischen Situation vor der US-Präsidentenwahl am Beispiel der gut verdienenden Ärzte zu zeichnen, finde ich witzig.
Tatsächlich scheinen Amerikaner im Allgemeinen etwas undifferenziert zu sein bei politischen Fragen. Sie kommen dann auf die tollsten Ideen(sieh Tea Party), nur um eine Position zu haben. Der Wettbewerbsaspekt ist recht dominierend "dort drüben im Wilden Westen".
regionnord am Donnerstag, 11. Oktober 2012, 18:34
Unterschiede in der DNA
@ LA

Natürlich sind wir von Geburt nicht alle gleich, jedoch sind die Unterschiede in der DNA weniger bedeutend als angenommen, Stichwort Epigenetik. Da hat Erziehung, sportliche Betätigung, Essen etc. einen grossen Einfluss auf unsere DNA und damit auch auf unser Leben (und der Intelligenz). Daher glaube ich nachwievor dass wenn jeder die gleiche Chancen hat/hätte würde jemand der heute Geringverdiener ist genauso wahrscheinlich topverdiener sein können (einen anderen, besser bezahlten Job ausüben).
Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 11. Oktober 2012, 18:27
Ich finde es gut, wie der Blog-Schreiber unsere rot-grünen Gutmenschenreflexe provoziert !
Ich auch!
@normaler: viel interessanter wäre doch der vergleich zwischen dem gehalt der schwester in den usa mit dem ihrer kollegin in deutschland.
L.A. am Donnerstag, 11. Oktober 2012, 10:02
"Von Geburt an sind wir alle gleich..."
@ regionnord : Politisch korrekt zwar, aber ein "mondernes Märchen", was Sie da schreiben.
Nein, von Geburt an sind wir Menschen verschieden. Stichwort: Erbanlagen. Reizwort: "Intelligenz ist erblich".
Ich finde es gut, wie der Blog-Schreiber unsere rot-grünen Gutmenschenreflexe provoziert !
normalerdoktor am Donnerstag, 11. Oktober 2012, 06:39
Jammern Sie hier nicht so rum,
schreiben Sie uns lieber mal zu Ihrer Freude und zu unserer Erhellung Ihr Jahresgehalt und das Ihres Oberarztes. Und dann noch das von einer Krankenschwester, die vermutlich auch in den USA nicht erst morgens um 9 ihre Arbeit beginnt.
regionnord am Mittwoch, 10. Oktober 2012, 15:52
Über den Tellerrand hinausschauen
Der Republikaner putzt seine Glorie, und diese zu Unrecht.
Der demokratische Patient bezahlt seine Behandlung selbst, durch seine eigenen Steuergelder, die er vielleicht schon länger bezahlt hat als der Arzt zum jetztigen Zeitpunkt. Der demokrat und der republikaner sitzen im selben Boot, und sollten sich für die Gemeinschaft einsetzen. Warum soll der besagte Arzt, der schon 2 Luxusautos (anspielung auf den Bugatti-blog) und ein riesen Eigenheim sein eigenen nennt, noch mehr Geld verdienen?
Die Gemeinschaft hat ihn Reich gemacht, daher bezahlt er Steuern die wiederrum für weniger erfolgreiche Menschen ausgegeben werden. Von Geburt an sind wir alle gleich, einige von uns hatten die Möglichkeiten aufzusteigen und das Glück in unserem Beruf unverschämt viel Geld zu verdienen, wo andere, für die gleiche Anzahl an Stunden, viel weniger verdienen.
Der republikaner sollte sich also Glücklich schätzen dass es Demokraten gibt die eine Gesellschaft geschaffen haben die zwar nicht immer gerecht erscheint, ihm, den Republikaner, jedoch die Möglichkeit gegeben hat zu studieren, zu arbeiten und anderen Menschen zu helfen (durch seine tätigkeit als Arzt und durch seine Steuergelder).
Möge der ehrlichere Kandidat gewinnen....
Andreas Skrziepietz am Dienstag, 9. Oktober 2012, 20:38
Es wird dem Arzt in jenem Moment zum wiederholten Mal klar, daβ Dr. Obama die Wahl gewinnen wird
Da bin ich nicht so sicher. Üblicherweise muß man einen Krieg gewonnen haben, um wiedergewählt zu werden. Da hat Obama nichts zu bieten. Eigentlich hat er überhaupt nichts zu bieten, denn das einzige Wahlkampfversprechen, das er eingelöst hat war, seinen Kindern einen Hund zu kaufen.
Und die fetten Patienten gehen meist nicht zur Wahl, weil im TV gerade eine wichtige Talkshow läuft.

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