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Dr. werden ist nicht schwer... – 02.10.2012

Deutsche Notaufnahmen benötigen mehr Restriktion

Es passiert derart häufig, dass man es schon für normal halten sollte, und dennoch erstaunt es immer wieder, wie unterschiedlich und bisweilen banal die Gründe sind, aus denen Patienten die Notaufnahmen der Kliniken auch zu unmöglichsten Zeiten aufsuchen.

Liegt es daran, dass die Menschen ihr Zeitgefühl verlieren, wenn Supermärkte bis Mitternacht geöffnet haben und Sonntage häufig verkaufsoffen sind? Oder hoffen die Leute darauf, dass meine Kollegen und ich so aussehen wie George Clooney und seine Mitstreiter? Was treibt beispielsweise jemanden, der seit drei Wochen wiederholt unter Nasenbluten leidet, dies bei unveränderter Beschwerdesymptomatik ausgerechnet Dienstagmorgen um halb vier abklären zu lassen? Oder nehmen wir die junge Dame mit Brennen beim Wasserlassen seit acht Tagen…

Wenn ich es mit solchen vermeintlichen Notfällen zu tun habe, spielt sich in etwa immer folgendes ab: Anruf – zweiter Anruf – ich wache auf und gehe endlich dran – Schwester: „Patient X mit banalen Beschwerden Y in der Notaufnahme“ – ich: „Das ist doch ein Scherz, oder?!“ – „Nein… musst herkommen.“ – Fluch – aufstehen – anziehen – bemerken, wie ein neues graues Haar sprießt, während zwanzig zuvor kräftige und farbfrohe ohne Aussicht auf Ersatz ausfallen – vollkommen unmotiviert in die Notaufnahme schlendern – Patient X mürrisch begrüßen – Untersuchung – Rezept – „Sie haben Y, dafür müssen sie nicht nachts um halb drei in die Notaufnahme kommen. Die wurde für echte Notfälle…“ – Patient X, der die Take-home-message sicherlich für sich zu einer leave-it-here-you-can-come-back-at-any-time-message umwandelt, verabschieden – das mittlerweile erreichte Wachheitsniveau nutzen, um mit dem gleichzeitig wachen Personal Kopfschütteln auszutauschen und wieder ab ins Bett mit einem Gebet, dass dies der letzte solche Fall für diesen und alle zukünftigen Dienste war. Der Erfolg solcher Gebete erzeugt vermutlich Atheisten.

In meinem letzten Dienst nutzte eine junge (und zugegebenermaßen hübsche) Patientin meine halbherzige Predigt, um mir mit verschmitztem Lächeln zu entgegnen: „Dann hätte ich aber Sie nicht kennengelernt…“. Ich erwiderte die wahrscheinlich sogar nett gemeinte Geste mit einem Lolli, den wir eigentlich für Kinder vorgesehen haben und entließ die zufriedene Dame in die Beschwerdefreiheit.

Unvergessen wird auch eine Episode aus dem PJ bleiben, als sich eine Dame vormittags in die Notaufnahme setzte und erst nach 26 (!) Stunden wunderte, dass man sie noch nicht aufgerufen hatte. Aus ihrem bei Erscheinen noch recht harmlosen Krankheitsbild hatte sich dank Unterzuckerung und Exsikkose ein aufnahmewürdiges entwickelt.

Hat sich das mit dem Mitdenken vor dem Aufsuchen einer Notaufnahme jedoch anders vorgestellt,

Euer Anton Pulmonalis


Leserkommentare

Circulus Vitiosus am Dienstag, 9. Oktober 2012, 19:23
KV vorschalten
In der Notaufnahme wo ich arbeite haben wir genau das vorgeschlagene System der KV Vorschaltung, die ist nämlich in denselben Räumlichkeiten. Vorne an der Anmeldung wird differenziert was in die NA oder KV gehört und selbst wenn sich der Kollege mal unsicher ist mit einem Bauch ist es kein Problem den Patienten dafür noch mal chirugisch begutachten zu lassen, ist ja auch Sinn und Zweck der Sache.
Nachteil ist, dass dieses System steht und fällt mit der Qualität der jeweiligen KV Ärzte und die reicht von motivierten und fähigen Kollegen, die gerne nebenbei damit was verdienen über Totalversager, die mir 18 jährige mit Spontanpneumothorax rüberschicken (der Patient kam aus 2 kilometer Entfernung mit dem Fahrrad) und auf die Frage nach der betroffenen Seite nur antworten: Auskultiert? Hab ich nicht!
Differenzieren muss man hier auch ganz klar zwischen den Patienten, die entweder hypochondrisch veranlagt oder schlichtweg nicht intelligent genug sind zu begreifen, ob sie schwerkrank sind oder nicht und denen, die gerade nach dem Kaffee mit den Nachbarn den Restsonntag nutzen um endlich mal diese Blasenentzündung anzugehen!
Erstere wird man nicht los und sollte man (auch wenn es manchmal schwer ist) Verständnis entgegenbringen, letzteren sollte man nicht unbedingt unfreundlich aber bestimmt sagen, dass einem das selber peinlich wäre, wegen so einer Banalität eine "Not"-aufnahme aufzusuchen!
Andreas Skrziepietz am Montag, 8. Oktober 2012, 16:48
@malhalblang
Genau das ist ja das problem mit euch ärzten: ihr seid unfähig, selbständig zu handeln, aus panischer angst, daß der chef euch dann die weiterbildung nicht anerkennt oder der patient euch verklagt. stets lasst ihr euch am moralischen nasenring vom engländer und seinen komplizen durch die manege führen.
und die intelligenteren von euch wandern aus.
normalerdoktor am Montag, 8. Oktober 2012, 09:13
Wohl kaum zu ändern
An Ladenöffunungszeiten liegt's wohl nicht. Das was Sie beschreiben gab es schon in meinem PJ in der ersten Hälfte der 90Jahre. Und die Öffnungszeiten wurden erst später liberalisiert (Ende 1996, habe nachgesehen).

Und auch sonst. Wir sind eben nicht nur für das Körperliche sondern auch für das Seelische zuständig. Und das macht sich eben gerade dann, wenn sonst nix ist (also nachts und am Wochende) bevorzugt bemerkbar. Oft auch in Form körperlicher Beschwerden.

In der Überschrift schreiben Sie, dass die Notaufnahmen mehr Restriktionen benötigen, welche sollen dass denn sein? Mir fallen keine ein. Offensichtlich zynische Besucher (morgens um 4: "Sie sind ja sowieso da") erfahren entsprechend kurzangebundene Behandlung. Wer aber zwar keine akut behandlungsbedürftigen körperlichen Beschwerden hat, sich dennoch offenbar große Sorgen macht, hat zumindest Anspruch auf halbwegs freundlichen ärztlichen Rat.

Und dass bei so manchem Patienten, der da nachts kommt und für den ich da nicht viel tun kann, nicht vielleicht trotzdem "was ernstes" vorliegt, dass kann ich nicht unbedingt behaupten.
malhalblang am Montag, 8. Oktober 2012, 07:41
@a skrziepietz
Da Sie uns vor wenigen Tagen haben wissen lassen, Sie seien "gar kein arzt" und hätten auch mit der beratung von kollegen zum zwecke der erlangung einer promotion "nichts zu tun" ersparen sie uns doch bitte solche als frage getarnten kommentare, die all zu deutlich machen, dass ihnen nicht nur "das praktische nicht so" liegt, sondern sie eben auch keine ahnung haben. Zumindest nicht von dem, was ärztliche tätigkeit ausmacht.
Loewenherz am Sonntag, 7. Oktober 2012, 14:57
Nachtrag zu "Notaufnahmen"
hier im schönen Hamburg gibt es allerdings eine kleine Genugtuung: Die Zentralambulanz für Betrunkene. Da kann ich zumindest die Feierleichen und Bestandsalkis nach meiner Untersuchung zum Ausnüchtern hinschicken. Und mich still und leise freuen, dass sie am Folgetag erst mal eine Rechnung über knapp 310 Euro vorgesetzt bekommen. Zumindest an der Stelle ist also ein klein wenig Ressourcen- und Kostenbewusstsein zu schaffen...
Loewenherz am Sonntag, 7. Oktober 2012, 14:55
deutsche "Not"-Aufnahmen
Lieber Anton,

dieses Problem der allseits offenen "Not"-Aufnahme kenne ich nur allzugut. Es ist eine übeschauliche Klinik in der ich arbeite, keine Katheterbereitschaft, keinen Schockraum für Polytraumata, so dass sich die "Notfälle" und "Aufnahmen" an einer Hand abzählen lassen. Maximal 10% der Patienten stellt objektive Notfälle dar, 20% weitere sind von ambulanten Behandlern eingewiesene Zustände mit potentiell langfristig gefährlichem Verlauf, die einer Aufnahme bedürfen (Tumorabklärungen, AZ Verschlechterung, etc.). Dazu kommen natürlich noch die 2-3 akuten Intoxikationen pro Nacht (1/3 Mischintoxikationen in suizidaler Absicht, 1/3 Feierleichen und ungefähr 1/3 Bestandsalkis),
Der Rest läuft, gelinde gesagt, unter "Bullshit". Der 20 jährige nach'm Feiern am Vortag mit heute heftigen Magenkrämpfen, die 25 jährige mit Brechdurchfall, die 18 jährige für die Pille danach, der "ich wollte nicht auf meinen Termin beim... warten" Patient, und natürlich die Kranken ohne Geduld: "Ich war ja schon beim Hausarzt, der hat gesagt ich soll warten bis die Erkältung vorbeigeht, das war gestern, heute ists aber noch nicht besser also komm ich zu ihnen".

Rein rechtlich muss ich jeden Patienten sehen, es könnte ja was schlimmeres dahinterstecken, selbst beim größten Bullshit. Und selbst wenn ich den Pat. wieder nach Hause schicken dürfte, unbehandelt mit dem Verweis auf den Kassenärztlichen Notdienst, oder den Hausarzt der in 3 Stunden aufmacht, mein Arbeitgeber (Privater Klinikkonzern) würde mir auf die Finger hauen: Schlechte Publicity, mein Junge, das wollen wir nicht. Schön behandeln, Du wirst bezahlt fürs Arbeiten.
Habe unlängst den Vorschlag gemacht, dass es durchaus sinnvoll wäre, eine kassenärztliche Notfallpraxis unserer ZNA vorzuschalten, um die ganzen Bagatellen abzufrühstücken. Auch da bockt der Klinikträger: "ja, inhaltlich und gesundheitspolitisch haben sie schon richtig gedacht, aber da Ginge uns das Geld verloren, das wir durch die Notfallbehandlung machen".

also heißts weiterhin auch Nachts um vier: "ach, seit 3 Tagen erkältet, was sagt denn ihr Hausarzt dazu?"....
Ungefähr 1/3 ist Absicherung von Niedergelassenen Kollegen
Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 4. Oktober 2012, 16:16
kann man die nicht einfach rausschmeißen?
So würde ich das machen.

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