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Gesundheit – 20.07.2012

Sportgetränke nicht evidenzbasiert

Sportgetränke sind mittlerweile so beliebt, dass viele Menschen sie auch dann trinken, wenn sie gar keinen Sport treiben. Kein Wunder, denn Gatorade, Powerade, Lucozade usw. schmecken ausgesprochen lecker. Lecker sind sie, weil sie viel Zucker enthalten, und anders als bei den Cola-Getränken kommt kaum jemand auf die Idee, dass dies ungesund sein könnte. Im Gegenteil: Viele dürften der Ansicht sein, dass sie mit den Getränken etwas für ihre Fitness tun, ohne dafür schwitzen zu müssen. Der Hinweis „frei von Konservierungsstoffen“ unterstützt die vermeintliche Gesundheitsbotschaft.

Dass Sportler die tägliche Dosis „-rade“ benötigen, davon sind mittlerweile auch viele Sportmediziner überzeugt. Selbst wenn sie die Produkte nicht nennen, sind die Broschüren der Sportverbände (bis hoch zum IOC) angefüllt mit Hinweisen auf die Notwendigkeit einer erhöhten Kohlehydratzufuhr und den Salzausgleich während des Wettbewerbs, zu deren Zweck die Sportgetränke schließlich entwickelt wurden.

Doch die wissenschaftliche Evidenz, dass sie notwendig sind oder gar die Leistung steigern, ist mager, wie Carl Heneghan vom Oxford Centre for Evidence Based Medicine jetzt in einem Beitrag zum British Medical Journal beklagt. Das BMJ hatte die führenden Hersteller um wissenschaftliche Belege für den Nutzen ihrer Getränke gebeten. Nur einer, GlaxoSmithKline, schickte eine Liste. Doch die vorgelegten Studien überzeugten Heneghan so wenig, dass dieser gar nicht den Versuch einer Meta-Analyse unternahm.

Auch die Überzeugung, dass isotonische Getränke notwendig sind, um eine Hyponatriämie zu verhindern, ist nicht belegt. Denn bei Gesunden ist die Niere sehr wohl in der Lage, den Natriumgehalt des Körpers auch bei sportlichen Anstrengungen zu regulieren. Auch vor der Einführung von Gaterade wurden Marathonläufe überlebt. Beim Flüssigkeitsausgleich können sich gesunde Menschen auf ihr natürliches Durstgefühl verlassen. Stattdessen werden mittlerweile selbst die Soldaten der britischen Armee mit sogenannte „P-Charts“ versorgt, um den Flüssigkeitsbedarf nach der Farbe des Urins zu bestimmen, und ihn dann mit einem Sportgetränk auszugleichen.

Den Herstellern sei es in den letzten Jahren gelungen, das Vertrauen der Verbraucher in das eigenen Durstgefühl zu erschüttern, schreibt Deborah Cohen vom BMJ. Sie deckt in ihrer Recherche auch Interessenkonflikte zwischen den Herstellern und den medizinischen Fachverbänden auf, die ebenfalls verhindern, dass Hypothesen wissenschaftlich untersucht werden. Stattdessen würden von den Herstellern pseudomedizinische „Sports Science Academies“ gegründet, die laut Cohen eher das Ziel haben Wissenschaft zu „verkaufen“, denn nach neuen Erkenntnisse zu forschen.


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