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Dr. McCoy – 19.07.2012

Was das kostet!?

Kennen Sie das? Sie lesen eine Online-Newsmeldung über interessante Forschungsergebnisse in Ihrem Fachgebiet. Zum Beispiel auf der Website des Deutschen Ärzteblattes. Die redaktionelle Aufbereitung in Ehren, aber sie ist eben nur eine Zusammenfassung. Und da es um Ihr Fachgebiet geht, wollen sie lieber das Original lesen. Der Link auf die Online-Fassung wird ja heutzutage meistens mitgeliefert.

Klick! Und dann? Sie stellen fest, der Download des Beitrags kostet 30 Euro.

Hallo?! 30 Euro?!

Was soll das?, fragen Sie sich. Wie kommen die wissenschaftlichen Verlage dazu, solche völlig absurden Preise für einen einzelnen Artikel zu verlangen?

Und schon sind Sie mittendrin im erbitterten Streit um die Digitalisierung der Inhalte im 21. Jahrhundert. Die einen – die wissenschaftlichen Fachverlage – argumentieren, schließlich gehe es ja nicht nur um die Veröffentlichung der eingereichten Arbeiten. Erst durch den von ihnen organisierten Peer-Review-Prozess und die Lektorierung der Manuskripte entstehe der eigentliche Wert wissenschaftlicher Publikationen. Die Anderen hingegen meinen, im Online-Zeitalter sei es doch wohl kaum noch angemessen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse – deren Entstehung zudem nicht selten mit öffentlichen Geldern finanziert wurde – weiter hinter einer unerträglich hohen ‚Pay-Wall’ vor den Augen der Öffentlichkeit und der interessierten Fachwelt verborgen blieben. Die wissenschaftlichen Fachverlage, so meinen sie, seien schlichtweg nicht Willens, zumindest aber unfähig, sich endlich anzupassen an eine Welt des freien Zugangs zu Informationen aller Art. Die Verlage versuchten nur – so wie auch die Musik- und Filmindustrie –, ihre lukrativen Geschäftsmodelle aus der Vergangen­heit mit Zähnen und Klauen zu verteidigen und ihre Gewinne seien zudem völlig überhöht.

Und Sie? Als Ärztin oder Arzt schauen Sie erstmal in die Röhre. Sie zahlen keine 30 Euro und hoffen, dass Sie zu dem Thema dann wenigstens demnächst etwas in der von Ihnen abonnierten Fachzeitschrift nachlesen können. Denn die bringt ja der Postbote einmal monatlich vorbei. Und billig ist das Abo schließlich auch nicht unbedingt.

Das alles ist natürlich eigentlich kein Zustand. Denn immerhin gibt es in Deutschland Kolleginnen und Kollegen, die haben online – meist sogar vom heimischen Schreibtisch aus – Zugang zu einer breiten Palette aktueller wissenschaftlicher medizinischer Fachliteratur. Das sind all die, die an einer Uniklinik oder Forschungseinrichtung arbeiten.

Aber, und hier wird es ärgerlich, das Gros der Ärztinnen und Ärzte in unserem Land hat einen solchen Zugang eben nicht! Und das, wo doch gerade diese Kolleginnen und Kollegen den Hauptteil der medizinischen Versorgung der Bevölkerung (auch bekannt als Regelversorgung) schultern. Und seit langem wird zudem beklagt, dass es viel zu lange dauere, bis neue wissen­schaftliche Erkenntnisse in genau dieser Regelversorgung an- und damit den Patientinnen und Patienten zugute kommen.

Wäre es nicht an der Zeit, hier mal nach einer pragmatischen Lösung des Problems zu suchen? Denn ich glaube kaum, dass der oben skizzierte Streit zwischen den wissenschaftlichen Verlagen und Vertretern von Open Access (engl. freier Zugang) kurzfristig gelöst werden wird.

Ist es nicht möglich, einmal zu kalkulieren, was es überhaupt kosten würde, allen Ärztinnen und Ärzten in Deutschland die Art von Zugang zu elektronisch verfügbarer, aktueller medizinischer Literatur zu ermöglichen, den heute nur diejenigen haben, die an Unikliniken oder Forschungs­einrichtungen arbeiten?

Um welche Dimensionen es da so geht, zeigt die jüngste Diskussion über den freien Zugang zu den Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschung in Großbritannien. Die Bibliotheken dort zahlen 200 Mio. Britische Pfund (gut 250 Mio. Euro) jährlich für die Abonnements wissenschaftlicher Fachzeitschriften. Es geht also nicht um Peanuts. Und selbst wenn dieser Betrag einen große Zahl von für die Medizin nicht direkt relevante Publikationen mit einschließen mag – die Verlage werden sicher eine ordentliche Summe verlangen, wenn alle Ärztinnen und Ärzte online Zugang bekommen sollten.

Anderseits werden in unserem Land auch an anderer Stelle erhebliche Mittel für den Transfer neuer Erkenntnisse medizinischer Forschung in die Praxen und Kliniken aufgewendet: So bereisen rund 15.000 Pharmavertreter unentwegt das Land. Dafür entstehen der pharmazeutischen Industrie lt. Schätzungen der Initiative MEZIS jährlich Kosten in Höhe von 125.000 – 200.000 Euro pro Jahr, pro Vertreter. Kosten also in Höhe von rd. 2 Milliarden Euro jährlich, die sich am Ende in den Kosten für Arzneimittel wiederfinden. Und nicht mit eingerechnet, sind all die Aufwendungen, die der pharmazeutischen Industrie sonst noch entstehen, um über ihre Produkte zu informieren.

Zahlen in jedem Fall, bei denen einem schwindlig werden kann. Aber das ist kein Grund nicht mal zu rechnen. Wer immer sich berufen fühlt – und da fielen mir verschiedene Stellen, Institutionen oder Verbände ein – möge sich doch einmal um eine Zahlenbasis bemühen.

Und dann könnte man doch wirklich einmal prüfen, ob es eigentlich so bleiben muss, dass im Internetzeitalter die meisten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland de facto keinen breiten Zugang zu aktuellen medizinischen Forschungsergebnissen im Original haben!


Leserkommentare

Thelber am Montag, 23. Juli 2012, 22:49
Wissen ist Macht ! Und Geld !
Naja, und wir leben im (immer weniger sozialen) Kapitalismus.

Frohes Weiterschaffen ohne harte Daten !!

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