202/295

Vom Arztdasein in Amerika – 13.07.2012

Wer will die Unversicherten?

Zweimal in der Woche muss ich den Unversichertenpiepser tragen. So nenne ich den Aufnahmepiepser, den ich als Internist dann zugeteilt bekomme und mit dem die Notaufnahme mich tagsüber anpiepst, um mir die Patienten, die keinen Hausarzt haben („unassigned patients” im offiziellen Sprachduktus), zu übergeben. Das sind zu 90% Menschen ohne Krankenversicherung. Sie sind meistens arm und überdurchschnittlich oft alkohol- oder drogenabhängig und übergewichtig.

Viele meiner Kollegen stöhnen über diese Patienten: Sie haben keine Krankenversicherung und oft ein gesundheitsabträgliches Verhalten. Da sie keine Krankenversicherung haben, stellt der Arzt dem Patienten direkt die Rechnung für seine Dienste und nicht sowohl der Krankenversicherung als auch dem Patienten. Viele von den unversicherten Patienten sind jedoch mit der Krankenhaus- und Arztrechnung überfordert und besitzen ein zu niedriges Einkommen, um es verpfänden lassen zu können; so verfallen die Rechnungen sehr oft trotz Nichtbezahlens nach wenigen Jahren.

Das erklärt, wieso viele Ärzte diesen Piepser ungern tragen: Er bedeutet viel Arbeit bei oft geringer bis keiner Bezahlung. In solchen Situationen geht das Krankenhaus leer aus, die Ärzte gehen leer aus, der Patient wird trotzdem gesund gemacht. Das alles ist schoen seit Jahrzehnten so und hat nichts mit der "Obamagesundheitsreform" zu tun.

Dass der Patient uns Ärzte trotz Nichtbezahlens dennoch verklagen kann, klingt ironisch, ist aber so. Die USA sind eben ein wenig anders.


Leserkommentare

JuliNi am Dienstag, 17. Juli 2012, 11:09
Der Arzt Petrulus
Sehr geehrter Herr Sachse,

ich bitte Sie den Artikel „Wer will die Unversicherten?“ (Freitag, 13. Juli) von Petrulus noch einmal genau zu lesen. In seinen Ausführungen erwähnt Petrulus mit keinem Wort, dass ihm das Behandeln von Patienten, die keine Krankenversicherung haben, „Probleme macht“, geschweige denn dass er diesen Piepser ungern trägt. Er entwirft lediglich ein realistisches Bild von den amerikanischen Verhältnissen – und diese können uns gefallen oder auch nicht. Wahr ist auf jeden Fall, dass Petrulus ein brillanter Arzt ist, auf den unsere Welt ganz sicher nicht verzichten kann. Etwas anderes zu behaupten ist deswegen tatsächlich unverschämt.

Mit freundlichen Grüßen
Julia N.
Andreas Skrziepietz am Samstag, 14. Juli 2012, 14:18
Ich finde Petrulus gut
Er hat eine gesunde und realistische einstellung. das hier:
"Ich dachte immer Menschen die Aerzte werden wollen haben ein inneres Beduerffnis anderen Menschen zu helfen."
gilt nur in Deutschland und auch nur für Mitglieder des MB.
lsachse am Samstag, 14. Juli 2012, 01:16
Wer will dei Unversicherten!
Als einer der fast 30 Jahre in den USA lebt ist es peinlich einen solchen Artikel von einem Arzt zu lesen. Ich bin der Meinung Sie sollten Ihren Beruf wechseln wenn Ihnen das behandeln von Unversicherten solche Probleme macht.
Ich dachte immer Menschen die Aerzte werden wollen haben ein inneres Beduerffnis anderen Menschen zu helfen.
Ausserdem, wie Sie die Unversicherten darstellen, stellen Sie sich ein totales Armutszeugnis aus, insbesondere als Arzt. Diese Aroganz tut unheimlich weh. Ich werde Ihnen die ueber 3o Millionen Amerikaner (Unversicherte) schicken. Vielleicht geben Sie ja dann das Arztsein auf. Waere eine Wohltat fuer die Menschen.
L.Sachse

Bookmark-Service:
202/295
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs