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Gesundheit – 25.06.2012

Empathie kann Arzt lernen

Wohl jeder Mediziner kennt einen Chirurgen, der ein genialer Operateur ist, menschlich aber einfach keinen Draht zu seinen Patienten bekommt. Es gibt zahllose Anekdoten über den Zynismus am Krankenbett, und auch praktizierenden Ärzten fällt es mitunter schwer, den Blick vom Praxiscomputer hin zum Patienten zu lenken.

Ein Gemeinplatz ist dann, dass einige Kollegen „es“ haben, und andere „es“ niemals lernen werden, nämlich eine Empathie zu ihren Patienten zu entwickeln. Helen Riess, die am Massachusetts General Hospital in Boston das „Empathy and Relational Science Program“ leitet, ist hier anderer Ansicht. Sie glaubt nicht nur, dass Ärzte lernen können in professioneller Distanz Empathie zu entwickelt.

Ihre Abteilung hat auch ein spezielles Lernprogramm für Ärzte entwickelt, wo sie diese in drei stündlichen Sitzungen lernen können. Dabei werden sie zunächst über die neurobiologischen Hintergründe der Empathie unterrichtet. Hier hat es dank der funktionellen Kernspintomographie und anderer Verfahren in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gegeben. Danach werden die Mediziner in der Wahrnehmung von Gesichtsausdrücken und anderen Signalen der non-verbalen Kommunikation geschult. Schließlich lernen sie, wie sie mit „schwierigen Patienten“ umgehen und wie sie die eigenen Schwierigkeiten in der Kommunikation erkennen und korrigieren können.

Riess hat die Wirksamkeit des Trainings jetzt in einer Studie an 99 Nachwuchsärzten („Residents“) des Massachusetts General Hospital und der Massachusetts Eye and Ear Infirmary testen lassen. Alle Mediziner wurden zunächst von einigen Patienten mittels eines speziellen Fragebogens (consultation and relational empathy, CARE) bewertet.

Danach nahm die Hälfte der Ärzte an dem dreistündigen Lehrgang teil. Zwei bis drei Monate später erfolgte eine erneute Bewertung durch andere Patienten. Nach den kürzlich im Journal of General Internal Medicine (2012, doi: 10.1007/s11606-012-2063-z) vorgestellten Ergebnissen, war das Empathietraining erfolgreich. Die Bewertung der Patienten fiel nach dem Training signifikant besser aus, und auch die Befragung der Mediziner ergab, dass sie besser über die Neurobiologie der Empathie informiert waren und die Mimik der Patienten leichter deuten konnten.

Riess hat nicht zufällig „Residents“ für ihre Studie ausgewählt. Frühere Studien hatten gezeigt, dass Mediziner in den ersten Berufsjahren besonders anfällig sind für einen Zynismus gegenüber den Patienten, und wahrscheinlich sind sie in dieser Phase auch noch aufgeschlossen gegenüber einer Änderung. Den altgedienten Chirurgen, der seit 30 Jahren seine Patienten verachtet, hätte sie vielleicht nicht mehr für ihr Programm erwärmen können.

Es gibt viele gute Gründe für den Arzt Empathie zu entwickeln. Neben allgemeinen humanistischen Idealen zahlt sich Mitgefühl, das haben Studien gezeigt, auch für den beruflichen Erfolg aus. Patienten, die Empathie bei ihrem Arzt erleben, gesunden (vielleicht aufgrund eines Placebo-Effekt, vielleicht weil eine gute Kommunikation Fehler vermeidet) rascher. Und im Fall eines Behandlungsfehlers ist ihre Neigung geringer den Arzt zu verklagen.


Leserkommentare

Andreas Skrziepietz am Sonntag, 1. Juli 2012, 15:03
Die erwähnte "jahrzehntelange Verachtung von Patienten" findet man in allen medizinischen Disziplinen
Das hängt damit zusammen, daß die meisten Menschen so daumm sind, daß man ihnen sofort das Wahlrecht entziehen und sie entmündigen lassen müßte. In anderen Branchen wirkt sich das nicht so aus, weil man dort nicht so lange mit leuten zu tun hat und die gesundheitsschädliche Wirkung der Dummheit keine Beachtung findet.
Heimbucher am Sonntag, 1. Juli 2012, 12:25
Mann kann Hund beißen - oder: Wer lernt was? und wie, wann, warum?
Wahrscheinlich meint der Autor, dass Empathie erlernbar sei, z. B. wie auch das eindeutige Formulieren von Überschriften. Letzteres ist für einen Redakteur offenbar nicht so wichtig, wie z. B. für einen durchschnittlichen Schüler in der gymnasialen Mittelstufe.
"Empathie" kennzeichnet eine Eigenschaft, die wahrscheinlich schon sehr früh in der Entwicklung einer Persönlichkeit wesentlich determiniert wird. Was man als Arzt lernen muss, ist seine empathischen Fähigkeiten angemessen zu realisieren, in empathhisches Wirken umzusetzen. Dazu sind in erster Linie Vorbilder geeignet, denen man im Rahmen der praktischen Ausbildung begegnet. Diese können durchaus auch als negative Beispiele lehrreich sein.
Die in der besprochen Publikation geschilderten Kurse tragen sicher dazu bei, praktisch anwendbare Techniken zur Gesprächsführung etc. einzuüben und sich über den Wert der Empathie Gedanken zu machen. Dass man Empathie als erwachsener Mensch in relevanten Dimensionen "erlernen" kann, darf auch nach dieser Studie ernsthaft bezweifelt werden. Und dass ein Redakteur, der eine ganze Gruppe von Ärzten, in diesem Fall Chirurgen, pauschal herabwürdigt und als nicht empathiefähig hinstellt, zeugt nicht gerade von tiefer Fachkenntnis. Die erwähnte "jahrzehntelange Verachtung von Patienten" findet man in allen medizinischen Disziplinen nach meiner Erfahrung genauso häufig, zum Glück aber insgesamt eher selten. Jedenfalls sehr viel seltener als Journalisten, welche ihre Vorurteile selbstverständlich als Tatsachen hinstellen.
Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 28. Juni 2012, 17:16
Patienten, die Empathie bei ihrem Arzt erleben, gesunden (vielleicht aufgrund eines Placebo-Effekt, vielleicht weil eine gute Kommunikation Fehler vermeidet) rascher.
Das wäre allerdings ein gutes Argument gegen Empathie. Humanistische Ideale sind nicht mehr zeitgemäß, weil sie nur den Bankrotteuren und Spekulanten nützen - bei der persönlichen Bereicherung auf Kosten ihrer Mitbürger nämlich. Das "enrichez-vous" muß endlich auch für Mitarbeiter des Gesundheitswesens gelten.

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