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Vom Arztdasein in Amerika – 12.06.2012

Die indische Krankenschwester aus Schweden

Ein Patient wurde kürzlich nach postoperativer Genesung entlassen, aber der entlassende Arzt hatte das Ausstellen eines Oxycodon-Rezeptes vergessen. Leider war der Arzt schon zu Hause, und somit wurde ich angepiepst; das Rezept für Oxycodon muss, weil es sich um ein Opiat handelt, in Papierform ausgestellt und handschriftlich unterschrieben sein (siehe meinen Blogeintrag “eRezept”). Daher ging ich auf Station, druckte das Rezept aus, unterschrieb und reichte es der etwas älteren Krankenschwester. Diese verwickelte mich in ein kurzes Gespräch, und mir fiel ihr Akzent auf. Auf meine Nachfragen hin sprudelte ihre halbe Lebensgeschichte aus ihr heraus.

Wie sich herausstellte, stammte die Krankenschwester – mittlerweile US-Staatsbürgerin – aus Indien und war Ende 20 mit ihrem Mann nach Schweden ausgewandert. Dort hatte er als Ingenieur, sie als Krankenschwester gearbeitet, und gemeinsam mit ihren beiden Töchtern hatten sie die schwedische Staatsbürgerschaft angenommen. Die Arbeitsbedingungen waren dort gut, aber die Steuern eben hoch und die beruflichen Chancen langfristig nur mittelmäßig gewesen.

Daher hatte die Familie den Sprung in die USA 15 Jahre nach ihrer Schwedenimmigration gewagt und lebte nun schon seit zehn Jahren glücklich in den USA. Die beiden Töchter waren Ärzte geworden, der Mann in eine höhere leitende Stelle gelangt, die Frau eben Krankenschwester geblieben; sie waren eine hart arbeitende und gebildete Familie. Das alles erzählte mir die Frau in weniger als 15 Minuten; ihr Leben lag ihr auf der Zunge.

Solche Begegnungen erlebe ich mehrmals pro Monat in den USA: aus Europa in die USA abgewanderte gut ausgebildete Migranten. Viele von ihnen geben an, dass sie als Grund ihrer Weitermigration bessere Lebenschancen in den USA erhoffen; eine Hoffnung, die sich auch meistens erfüllt, und die große Mehrheit dieser “Neoamerikaner” und “Exeuropäer” geben mir gegenüber an, viel zufriedener mit ihrem Leben in den USA als in Europa zu sein.

Ich habe bisher erfolglos nach großen Studien zum Thema Abwanderung hoch gebildeter Migranten aus Europa in die USA, Kanada und Australien gesucht. Es scheint aber ein recht gängiges Phänomen zu sein. Wieso verlassen diese intellektuellen Migranten Europa? Wieso ist die USA (bzw. Kanada oder Australien/Neuseeland) attraktiver? Bessere Vergütung bei niedrigeren Steuern? Wieso wird dieses Thema nur marginal in der Öffentlichkeit diskutiert? Was machen europäische Regierungen dagegen?

Mancher Dienstanruf oder manche Piepsernachricht ist doch komplexer und beschäftigt mich länger als ursprünglich gedacht.


Leserkommentare

Andreas Skrziepietz am Mittwoch, 13. Juni 2012, 16:27
Unsere bankiten
wollen, daß die "Mühseligen und Beladenen" ihnen Jahresgehälter in siebenstelliger Höhe zahlen. Das Sozialamt für Bankrotteure & Spekulanten.
L.A. am Mittwoch, 13. Juni 2012, 14:30
Auswanderung - Einwanderung
Die USA (ebenso Kanada und Australien) wollen für qualifizierte Einwanderer attraktiv sein.
Deutschland (und andere europäische Länder) sind attraktiv für die "Mühseligen und Beladenen dieser Welt".
Unsere Gutmenschen wollen, dass unser Land das "Sozialamt für die Welt" ist.
Solange sie es nicht aus der eigenen Tasche bezahlen müssen...

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