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Vom Arztdasein in Amerika – 05.06.2012

Juristischer Druck auf Ärzte

Am 23.05.2012 erschien in der FAZ ein lesenswerter Artikel zum Thema deutsches Gesundheitswesen: “Gesundheitssystem – Wie die Klinik krank macht” (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gesundheitssystem-wie-die-klinik-krank-macht-11760065.html). Darin schildert die Journalistin Sonia Mikich ihre Krankenbehandlung in einem deutschen Großstadtkrankenhaus: Bei Verdacht auf Kolonkarzinom wird eine Hemikolektomie durchgeführt; es kommt zu postoperativen Komplikationen wie beispielsweise Nahtinsuffizienz mit konsekutiver Peritonitis, Anlage eines Anus praeter und diversen Nebenwirkungen von Medikamenten. Die privatversicherte Journalistin fühlt sich im Klinikalltag oft ressourcenarm versorgt und trotz kritischen Zustandes z.T. tagelang vernachlässigt und bemängelt den aus ihrer Sicht patientenunzentrierten Behandlungsstil. Ihr Artikel vermittelt ein hohes Maß an Unzufriedenheit.

Mein erster Gedanke als ich ihn las war “die armen Ärzte werden nun verklagt”, bis mir bewusst wurde, dass juristische Klagen in Deutschland recht selten sind und Schadenersatzzahlungen deutlich niedriger dort ausfallen. Daraufhin mein zweiter Gedanke: “So etwas wäre in den USA wohl nicht passiert weil die Ärzte vor lauter Angst vor dem Verklagtwerden viel schneller und leichter erreichbar und beim Patienten sind”.

So bin ich mir absolut sicher, daß ein Patient mit einer Peritonitis innerhalb von wenigen Stunden einen Arzt gesehen, ein CT erhalten hätte und auf dem OP-Tisch gekommen wäre und nicht wie im Artikel in Deutschland knappe 36 Stunden bis zur Diagnose warten mußte. In USA ist der Chirurg quasi höchstpersönlich für das OP-Ergebnis verantwortlich und haftbar. Er steht unter hohem Druck, unter anderem juristisch bedingt.

Einige Zahlen belegen eindrücklich, daß eine Klage gegen einen US-Arzt für ihn kein Zuckerschlecken ist: Bei den 15.843 Klagen, die im Jahr 2006 gegen Ärzte eingereicht wurden, wurde durchschnittlich $234.635 je Fall ausbezahlt (siehe http://www.numberof.net/number%C2%A0of%C2%A0malpractice%C2%A0lawsuits%C2%A0in-the-us-per%C2%A0year/). Das bedeutet, daß jährlich knapp 3,7 Milliarden US-Dollar an Umsatz durch medizinische Klagen bedingt werden.

Der US-Arzt fürchtet sich tatsächlich vor solchen Klagen. Aktuell sind zwei meiner Bekannten in juristische Streitigkeiten verwickelt, und wir alle scheinen aus Angst vor solchen Klagen noch genauer zu arbeiten. Die Umkehrfrage also: Hätte die Journalistin Frau Mikich eine bessere und schnellere Behandlung erhalten wenn der juristische Druck stärker auf deutschen Ärzten lasten würde? Doch hieraus erwächst die Frage, ob es überhaupt etwas zu holen bei in Deutschland arbeitenden Ärzten gibt. Wohl nicht. Also muß Sonia Mikich damit leben, daß ihre stärkste Waffe nicht der Klage-, sondern ihr Artikelweg ist. Außer sie kommt in die USA zu ihrer nächsten Behandlung; hiermit lade ich sie offiziell ein.


Leserkommentare

ymikhlin am Montag, 18. Juni 2012, 21:31
wie es passieren ko(e)nnte
Als ich den Artikel las, dachte ich als 1tes: welche Klinik könnte das sein. Die Beschreibung (>1000 Betten, unterirdische Gänge, verschiedene Standorte) deuten auf Kliniken der Stadt Köln hin, paßt auch zu Sonya Mikic' Wohnort.

Aus meiner Sicht sind gerade solche Kommunalen "Monster" für solche causa prädisponiert. Das Essen und die Putzkolonne meine ich damit nicht - dies kann überall passieren - sondern die Untersuchung und Behandlung am Sonntag nachmittag. Gerade in großen Kommunalen Häusern kann es häufig passieren, daß 1) Sonogerät irgendwo weggesperrt ist- keiner weiß wo ist der Schlüssel, 2) im großen Ärztekollektiv herrschen mangelhafte Kommunikation & strenge Hyerarchie, der 2, "junge" dienst traut sich nicht, den !., erfahrenen dazuzurufen- und der 1. entsprechend nicht den Oberarzt, 3) das Erlernen der Fertigkeiten gestaltet sich langsam und schwierig- alles zusammen ergibt sich zu einem traurigen Bild.
osterarzt am Freitag, 8. Juni 2012, 15:52
Juristischer Druck auf Ärzte
Auch ich habe diesen Artikel gelesen. Wenn auch das Umfeld (bauliche Defizite, Essen, Konsilunwesen) sicherlich typisch für die aktuelle deutsche Klinikstruktur ist, so kann man nicht darauf schließen, dass die Zustände in einer schlecht geführten Chirurgischen Klinik auf die gesamte Chirurgie in Deutschland übertragbar sind. Der gesamte Behandlungsablauf ist dubios und nur schwer nachvollziehbar. Zumindest bei uns und ,ich bin mir sicher, in der Mehrzahl der Deutschen Kliniken sind diese Zustände unabhängig vom Klageverhalten der Patienten undenkbar.
stapff am Dienstag, 5. Juni 2012, 23:53
Das dieses Damoklesschwert einer drohenden Haftungsklage...
...die Patientenbetreuung intensiviert, Fehler vermeidet und insgesamt die medizinische Versorgung verbessert, mag ein erwünschter Nebeneffekt des oft als übertrieben empfundenen US-Haftungsrechts sein.
Es erhöht aber auch die Bürokratie (viele, viele Unterschriften, Aufklärungs- und Einverständnisbögen), trägt damit zur insgesamten Ineffizienz des US-Gesundheitswesens bei und treibt Versicherungsprämien derart in die Höhe, daß in einigen Regionen schon Ärztemangel herrscht, weil sich viele Praxisinhaber die Versicherung nicht mehr leisten können.

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