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Vom Arztdasein in Amerika – 14.05.2012

Deutschlandeindruck VI: Rückkehr in die moderne US-Medizin

Die Hospitationswochen an einem deutschen Krankenhaus haben bei mir einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Es war schön wieder in der Heimat zu sein, aber leider hat sich das Gesundheitssystem in den drei Jahren meiner Abwesenheit nicht sehr verändert. Das ist schade, denn viele Misstände die schon zu meiner Studiums- und Arbeitszeit vorhanden waren, bestehen noch immer. Dadurch fühle ich mich bestätigt, vorerst in den USA zu bleiben und eine Stelle als Facharzt für Innere Medizin ab diesem Sommer dort anzutreten.

Ich gebe zu, dass es mir viel Spaß gemacht hat, Blut wieder selbst abzunehmen, Bluttransfusionen anzuhängen, periphere Zugänge zu legen, EKGs zu kleben und zu schreiben, Rehaanträge auszufüllen und zu faxen, statt elektronisch wieder mit Stift und Papier handschriftliche Anweisungen zu schreiben, auf Routine-CT-Untersuchungen ein bis zwei Tage zu warten und in der Zwischenzeit mittels Blutlaborwerten und körperliche Untersuchungen empirisch zu therapieren bis wir CT-Gewissheit hatten, doch wirkt das alles aus US-Sicht etwas hinterwäldlerisch.

Dass man manchmal mit der Pflege längere Diskussionen über ein bestimmtes Vorgehen führen muss ehe die Anweisungen ausgeführt wurden war zwar aus Sicht einer basisdemokratischen Diskussionskultur nett, aber leider zeitaufwendig. Weiterhin wurde der Patient nur zum Teil in den Behandlungsablauf einbezogen, es wurde ein wenig von oben herab therapiert – zeiteffizienter als eine US-Visite zwar bei der oft viel erklärt wird, aber nicht ganz im Sinne einer patientenzentrierten Medizin.

Unser deutsches Medizinsystem ist ein gutes, da gibt es keine Frage. Viele Krankenschwestern und Ärzte machen ihre Arbeit sehr gut, doch das deutsche Medizinalsystem wirkt etwas altmodisch im Vergleich zur schnelleren und technologieaffineren US-Medizin. Nach meinen Arbeitseindrücken aus Frankreich und Deutschland und dem Hörensagen von Kollegen aus Großbritannien kommen mir allmählich Befürchtungen: Ist ein primär staatlich bezahltes Gesundheitswesen immer etwas altmodischer, langsamer, patientenunzentrierter und technologiephober als ein privat bezahltes, wie das der USA?

Am Rande sei erwähnt: Falls das der Fall ist, dann hoffe ich inbrünstig, dass das staatlichzentrierte “Obamacare” scheitert.


Leserkommentare

Moezart am Freitag, 18. Mai 2012, 23:08
Bis wir "CT-Gewissheit" hatten..
Eine CT nicht durchzuführen kann gelegentlich auch im Sinne des Patienten sein, man denke (gerade auch als Facharzt) doch mal an den Strahlenschutz.. In den USA wurden im Jahr 2010 ca. 228 CTs je 1000 Einwohner durchgeführt, in Deutschland nur 114, da könnte doch vielleicht auch mal eine unnötige Untersuchung dabei gewesen sein.. MRT untersuchungen wurden im technologiephoben Deutschland überigens 97/1000 durchgeführt, in den USA 91/100.. Ob da die Kosten in dem privaten System eine Rolle gespielt haben mögen?
regionnord am Montag, 14. Mai 2012, 23:14
..
Ich habe nie in Deutschland gearbeitet, aber ich bin Patient in Deutschland. Ich denke das grosse Problem in Deutschland sind dass die Fachärzte oft in privaten kliniken sitzen und nur wenige im Krankenhaus beschäftigt sind. Jeder Facharzt der Orthopädie hat zb. ein Röntgen gerät und so wurde ich auch jedes mal geröntgt als Patient.
In Dänemark sind wir als Ärzte fast ausschlisslich im Krankenhaus beschäftigt. Einige wenigen arbeiten privat kliniken, dies sind jedoch meist richtige Krankenhäuser mit vielen Ärzten die jedoch nur privat patienten behandeln.
Ansonsten ist Dänemark ein Land welches durchaus zeigt dass ein öffentliches Gesundheitssystem funktionieren kann. Auch wenn es seine Fehler hat, und ein kleines Land es sicherlich auch leichter hat medizinisch seine Bevölkerung zuversorgen (homogene Zusammensetzung), glaube ich dennoch dass das öffentliche Gesundheitssystem das einzige wahre ist, und man als Arzt alles tun muss um eine Privatisering zu verhindern. In Dänemark ist die Behandlung (bzw. die Überbehandlung) der Privatpatient schlecht. Zu früh wird operiert, zu wenig alternative (=billige Lösungen) gesucht, und zu wenig wird nach der OP kontrolliert da dieses zu wenig Einnahmen hat. Die Realität ist teilweise dass der Privatarzt operiert und der Krankenhausarzt die Kontrollen durchführt. Weder für den Patienten noch für die Ärzte eine gute Lösung.
lsachse am Montag, 14. Mai 2012, 21:43
Deutschlandeindruck VI: Rueckkehr in die moderne US Medizin
Wieder eine sehr peinliche Berichterstattung. Ich lebe und arbeite seit 29 Jahren im Seniorenbereich in Florida. Besuche Krankenhaeuser, Pflegestationen, Pflegeheime,Theraphie-Bereiche usw. Erstens kann man sich das amerikanische System nicht leisten (als Durchschnittsverdiener) und zweitens moderner?? fortschrittlicher??.
Ich wuerde dem Berichtserstatter raten mal Pflegestationen, Pflegeheime usw. aufzusuchen und zwar nicht als Arzt sondern als Besucher mit Augen und Ohren weit geoeffnet. Ausserdem wuerde ich raten sich mal Rechnungen anzusehen, was dann so hier in den US verlangt wird und es mit z. Bspl. Deutschland vergleichen.
Nach meinem Wissen wird das System in Deutschland von staatlichen und privaten Versicherungen gehandhabt. Also gibt es Wettbewerb.
Ich hoffe sehr das Praesident Obama mit seiner Gesundheitsreform erfolgreich ist. Allderdings wuerde der medizinische Bereich weniger Geld verdienen aber die Amerikaner haetten alle Anspruch auf gute und faire Gesundheitsversorgung.
Wird hoechste Zeit.
Lowtar
popert am Montag, 14. Mai 2012, 21:02
bitte etwas genauer
Das deutsche System der Krankenkassenfinanzierung ist definitiv kein staatlich bezahltes System - versorgt aber wie diese 100% und nicht nur 80% der Bevölkerung (wie in den USA).
Die EDV-Affinität scheint hier nicht parallel zu laufen: in Deutschland sind wie in England fast alle Praxen mit EDV ausgerüstet - aber im NHS lassen sich GPRD (general physicians research database) hervorragende Versorgungs-Studien machen, in Deutschland haben Kliniken und Praxen sogar eine völlig andere ICD-10 Version.
Mit anderen Worten: es lohnt immer, einen Blick unter den Teppich zu werfen.

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