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Vom Arztdasein in Amerika – 26.04.2012

Deutschlandeindruck III: Der demotivierte Arzt

Es bleiben eine Reihe von Eindrücken während meiner deutschen Krankenhaushospitationszeit hängen; eine davon ist, dass viele Ärzte und besonders Assistenzärzte demotiviert scheinen. Meine US-Kollegen haben nicht so gewirkt. An der recht langen Arbeitszeit in Deutschland könnte das liegen, aber dann wiederum ist sie kürzer als die Arbeitszeit in den USA: Man hat weniger Wochenenddienste, mehr Urlaubs- und Feiertage, eine kürzere Wochenarbeitszeit und ein großzügigeres Dienstsytem in Deutschland.

Weiterhin haben deutsche Assistenzärzte deutlich mehr Autonomie in ihren Entscheidungen – das müsste sich ebenfalls positiv auf die Arbeitsmoral auswirken. Darüberhinaus scheinen Patienten weniger fordernd zu sein und der juristische Druck ist geringer in Deutschland, was auch verminderte Dokumentationspflichten bedeutet – alles doch eigentlich motivierende Aspekte. Dennoch wirken viele Ärzte im deutschen Krankenhaus etwas lustlos. Wieso?

Vier deutliche Nachteile des deutschen Stationsalltages könnten dieses vielleicht erklären: Suboptimale Kommunikationsstruktur Arzt-Pfleger, hoher ärztlicher Arbeitsanteil an Bürokratie auf Station, nur bedingt strukturierte Fortbildung und geringeres Einkommen.

Die täglichen Reibungsverluste in Form von z.B. Widerständen seitens des Pflegepersonals beim Umsetzen bestimmter Therapiemaßnahmen ist ärgerlich. Das habe ich kürzlich thematisiert. Weiterhin sind meine Assistentenkollegen eine Art Mädchen für alles, d.h. sie müssen Rehaanträge stellen, radiologische Untersuchungen und Konsile auf oft umständliche Art und Weise anmelden, bestimmte Sonderanträge für Therapien formulieren und viele andere bürokratische Maßnahmen, die mir in den USA von Sozialarbeitern, Pflegepersonal und Stationssekretären abgenommen werden.

Darüberhinaus ist meine Fortbildung in den USA klar strukturiert mit etwa zehn Wochenstunden an Fortbildung pro Woche, was ich in dieser Form noch nirgends in Deutschland antraf. Der letzte, oben aufgezählte Punkt ist weitestgehend selbsterklärend: Höheres Bruttoeinkommen in den USA bei deutlich niedrigeren Steuer- und Abgabenlasten bedingen ein Nettoeinkommen, das einem Arzt in USA viel größere Konsum- und Freizeitfreiheit gestattet als es meine deutschen Kollegen sich erlauben können. In einer auf Ökonomie getrimmten Gesellschaft ist dieser Aspekt nicht zu vernachlässigen.

Abschließend stellen sich für mich drei Fragen: Welcher der oben aufgezählten Faktoren verursacht die größte Unzufriedenheit bei meinen Kollegen? Wie könnte man das System verbessern? Wieso verbessert die Politik nicht die Rahmenbedingungen?


Leserkommentare

Grosswardeyn am Montag, 23. Juli 2012, 09:59
Medicin studieren: ausgesprochen gesundheitsschädlich!
Ich war als Deutscher aus dem Osten Arzt fast 5 Jahre lang in der niederbayer. Psychiatrie tätig. Die Kriminalität (illegale Wirkstoffversuche in 300.000 DM-Höhe für 3 Pharmaunternehmungen, s., "Der Stern") der ärztlichen Leitung hat die Hälfte dfer Beleschaft um 1985 verjagt. Anbschließend folgte eine 5-jährige Arbeitslosigket im Saarléanf (27.000 Ärzte der BRD waren es auch) durch CDU-Bundesminister Norbert Blümn (Behandlkungsfall Hyperthymie).Später war ich leitender Beamte und Berater eines Staatssekretärs eines ausländischen Gesundheitsministeriums: nach 2 Jahren verjagt wg., detuscher Staatsangehörigtet. 2011 Schlaganfall.
Ich bedauere kulturmäßig nicht - wie meine Schwester) Medicin studiert zu haben, aber carrieremäßig war es ausgesprochen schädlich: ein Ministerialhgauptabteilungsleiter i. R., Invalidenrentner ohne dt. Versorgung.
Ich habe Arzt-Studienkollegen (Radiologe, Allgemein¨ärztin) in Westfanen, sie flüchteten früher aus Bayern. Es geht ihnen wirtschaftliche gut. Ihre beiden Kinder studierten in der BRD keine Medicin.
Andreas Skrziepietz am Freitag, 27. April 2012, 14:46
Wir haben unsere Ausbildung umsonst bekommen, werden sogar während des studiums entlohnt,
Bei uns zahlt man für das Studium (zumindest in drei Bundesländern). Während des PJ arbeitet man gratis, als AiP bekam man 700€ netto ("große Chance für junge Mediziner" nannte der Engländer das) und an Fortbildungen nimmt man während der Freizeit teil und bezahlt selbst.
Bürokratie, Kommunikation und Fortbildung wären mir egal, wenn es genug Geld gäbe.
Unsere Volksvertreter rechtfertigen ihre Gehälter (die höchsten der Welt) womit? Verantwortung! Wenn ich als Arzt Verantwortung für Patienten übernehmen soll, will ich mindestens so viel wie ein Bundestagsabgeordneter. Bekomme ich das nicht, mache ich den Job eben nicht. So einfach ist das :-)
regionnord am Donnerstag, 26. April 2012, 21:47
Bürokrati
Bürokrati ist sehr wichtig dass es NICHT der Arzt macht. In Dänemark belächeln wir immer die deutschen die viele schreibarbeit selbst machen. Auch in Dänemark gibt es viel Papirkram, aber der meiste wird von den Schwestern erledigt. Der Arzt wird für seine Arztausbildung bezahlt, und nicht anders sollte es sein.
Geld ist sicherlich auch wichtig, in Dänemark wo die meisten Ärzte angestellte sind, verdienen wir relativ gut. Im ersten Jahr gibt es so etwa 50.000 Euro vor Steuern (basislohn), als Spezialarzt im öffentlichen Krankenhaus etwa 100-150.000 Euro. Nach steuern ist zwar nur die hälfte übrig, aber beklagen tun sich nur wenige.
Im endeffekt kann es jedoch auch die Einstellung der Ärzte in Deutschland zu sein. In Dänemark sind wir bescheiden und nicht der Meinung dass wir mehr als andere berufsgruppen verdienen sollten. Wir haben unsere Ausbildung umsonst bekommen, werden sogar während des studiums entlohnt, und so sind wir mehr als zufrieden im Arbeitsleben.
screamner am Donnerstag, 26. April 2012, 20:21
nicht alles Gold was glänzt
Weil in D jeder eine Behandlung bekommt und die astronomischen Summen, die eine Krankenhausrechnung in den USA beträgt, hier zum Glück nicht gezahlt werden. Als chronisch Kranker wofür es nur völlig überteuerte Medikamente gibt, bin ich froh wieder in D zu leben.

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