359/558

Gesundheit – 13.04.2012

Toxische und illegale Substanzen in traditionellen chinesischen Heilmitteln

Mit der Deklaration der Inhaltsstoffe nehmen es die Hersteller von Mitteln der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) nicht immer so genau. Die Anwender können nicht wissen, was die Pülverchen, Pillen und Tees enthalten, die sie in gutem Glauben einnehmen. Ohne es zu ahnen, riskieren sie womöglich ihre Gesundheit und leisten am Ende sogar unter Umständen noch einen Beitrag zum Aussterben bedrohter Tierarten, wie zwei aktuelle Studien zeigen.

Das Team um Mike Bunce vom Australian Wildlife Forensic Services and Ancient DNA Laboratory in Perth hat Proben, die der australische Zoll beschlagnahmt hat, auf genetische Spuren von Pflanzen und Tieren untersucht. Sie fanden Hinweise auf nicht weniger als 68 unterschiedliche Pflanzenfamilien, darunter auch Ephedra und Asarum, die Giftstoff enthalten können.

Der Nachweis der Gene besagt natürlich nicht, dass tatsächlich Toxine in den Pflanzen enthalten sind, geschweige denn, dass die Konzentration ausreichen würde, um irgendeinen gesundheitlichen Schaden anzurichten. Da die Inhaltsstoffe jedoch nicht auf den Verpackungen erwähnt wurden, sieht Bunce einen Verstoß gegen geltendes Recht.

zum Thema

Neben den Pflanzen enthielten die konfiszierten TCM auch genetische Hinweise auf den Kragenbär (Ursus thibetanus) und Saiga tatarica, eine Antilopen-Art. Beide stehen auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere, und die Hersteller von TCM gelten als eine Ursache für den Raubbau an der Artenvielfalt im Tierreich.

Aber auch wem das egal ist, sollte den TCM misstrauen, findet Bunce. Denn eine Probe, die zu 100 Prozent aus dem Horn der Saiga-Antilope bestehen sollte, enthielt deutliche Anteile an DNA von Ziege und Schaf, ein Hinweis, dass hier wohl nicht allein auf vom Aussterben bedrohte Tierarten zurückgegriffen wurde (Den Artenschützern wäre es sicher Recht, wenn die Hersteller ganz auf die geriebenen Hörner der Haustiere wechseln würden).

Zu den Toxinen, die Asarum-Arten produzieren, gehört auch Aristolochiasäure, ein nachgewiesenes Karzinogen und Auslöser von Urothelkarzinoms der oberen Harnwege (UUC). Diese Krebsart tritt in keinem anderen Land so häufig auf wie in Taiwan. Dort erfreuen sich TCM mit Aristolochiasäuren seit längerem einer hohen Beliebtheit. Ein Drittel der Bevölkerung soll auf diese Mittel zurückgreifen, berichtet die Gruppe um Arthur Grollman von der Stony Brook University im US-Staat New York.

Der Pharmakologe hat in Taiwan jüngst 151 Patienten mit UCC untersucht. Bei 84 Prozent fand er in den Gewebeproben des Tumors Mutationen im Tumorsuppressor-Gen p53, die für die Einwirkung von Aristolochiasäuren charakteristisch sind. Für Grollman ist dies ein klarer Beweis dafür, dass die Verwendung der TCM für die hohe Rate von UCC in Taiwan verantwortlich ist.


Leserkommentare

hakima911 am Sonntag, 15. April 2012, 11:41
Illegale Importe
Wenn man den Artikel genau liest, sieht man, dass es sich um eine Untersuchung von durch den Zoll beschlagnahmten Proben handelt! Was nutzen die strengsten Vorschriften, wenn Ihre Patienten sich diese Mittel illegal, also unter Umgehung der “strengsten Vorschriften“ besorgen und einnehmen! Wissen Sie in Zeiten des Internets, was Ihre Patienten so alles schlucken und aus welchen Quellen?
Genau deshalb ist es wichtig, zuzeigen, dass der Import dieser Mittel nicht aus pekuniärem Interesse verboten ist, sondern zum Schutz von Mensch (und Natur)!
drpfau am Samstag, 14. April 2012, 19:30
Irreführung des Lesers durch schlechte Recherche.
Dieser Artikel führt in die Irre. Mit etwas mehr Verantwortungsgefühl, hätte der Autor sich der Mühe einer journalistischen Recherche unterzogen und dabei herausbekommen, dass die Verhältnisse in Deutschland anders sind als von Australien berichtet. Bei uns sind pflanzliche Fertigarzneimittel aus China nicht zugelassen. Erlaubt ist lediglich die Verordnung von individuell zusammengestellten Rezepturen aus „Rohdrogen“. Die Zulassung letzterer unterliegt den strengen Bestimmungen von Arzneimittelgesetz und Artenschutzabkommen.

Zur Frage der Aristolochiasäure zitiere ich aus einem Leserbrief von 2009 des Vorsitzenden des CTCA (s.u.) Dr. A. Wiebrecht, an die Süddeutsche Zeitung:

In Deutschland sind Aristolochiasäure-haltige Arzneimittel seit 1981 generell verboten, außer in homöopathischen Mitteln in hoher Verdünnung. Bis dahin gab es in Deutschland 350 Arzneimittel, die Aristolochiasäure in Reinform oder als pflanzliche Zubereitung enthielten. Die tragischen Ereignisse in Belgien Anfang der 90’er Jahre, die auf eine Verwechslung zurückgingen, haben dann in allen anderen westlichen Ländern zu entsprechenden Verboten geführt. Auch in China wurden die betroffenen Aristolochia-Drogen in der 2005’er Auflage des amtlichen Arzneibuches gestrichen. Aristolochia-Drogen sind in Europa schon lange kein Thema mehr, und was mögliche Spuren-Verunreinigungen angeht, sind die Behörden mit ihren Kontrollen diesbezüglich sehr sensibilisiert.
Tatsächlich wurden in der Chinesischen Arzneitherapie - wie bei uns in Deutschland - Aristolochiasäure-haltige Pflanzendrogen verwendet. Seit den 50’er Jahren des letzen Jahrhunderts wurde für „Mutong“ zunehmend Aristolochiasäure-haltiges Guan Mutong eingesetzt. Die jahrhundertealten Erfahrungen, nach denen Aristolochiasäure-freies Mutong als unbedenklich galt, konnten so nicht mehr greifen. Die krebsauslösenden Eigenschaften von Aristolochiasäure-haltigen Pflanzendrogen sind inzwischen seit langem weltweit bekannt. Die Therapeuten haben selbst zur Aufklärung beigetragen (vgl. meinen Artikel „Über die Aristolochia-Nephropathie“ in der Deutschen Zeitschrift für Akupunktur im Jahr 2000). Das Centrum für Therapiesicherheit in der Chinesischen Arzneitherapie (CTCA) bemüht sich darum, durch Aufklärung und Einflussnahme auf die Ausbildung der Therapeuten, Neben­wirkungen der Chinesischen Arzneitherapie so gering wie möglich zu halten. Aus unserer Kenntnis der Situation in Deutschland können wir feststellen, dass ernste Neben­wirkungen unter Chinesischer Arzneitherapie sehr selten sind und in keinem Verhältnis zu entsprechenden Neben­wirkungen chemischer Mittel stehen.
Thelber am Samstag, 14. April 2012, 15:33
"Strenge Vorschriften" ....
... werden auch bei uns in D regelmäßig umgangen.
- Schwarzarbeit
- Bankkonten in der Schweiz
- Medikamente aus Russland, die meine russlandstämmigen Patienten regelmäßig verwenden
sind nur ein paar wenige Beispiele.
Und weshalb benötigen wir in Europa die Pülverchen der TCM ? Wir haben doch unsere eigenen Hausmittel bzw. "Traditionelle europäische Heilmittel" für die Bagatellerkrankungen zur Verfügung.

Dieses Gebaren der TCM-Implementation hier in Europa kritisch bis mißtrauisch zu beobachten ist unsere ärztliche Pflicht !! Nicht nur - aber eben auch ! Ebenso kritisch wie die Produkte der "etablierten" Medizin !
kschlensog am Samstag, 14. April 2012, 12:28
verunglimpfende Verallgemeinerungen
"Aber auch wem das egal ist, sollte den TCM misstrauen, findet Bunce."

Wem man nach Lesen dieses Artikels wohl misstrauen sollte, sind die Hersteller dieser konkreten Produkte, die offenbar fertige Kombiprodukte sind - was sowieso nicht viel mit ernstgemeinter TCM zu tun haben kann.

Aus solcherlei Funden zu schließen, dass man "der TCM" misstrauen sollte, kommt in etwa der Schlussfolgerung gleich, dass man "der Schulmedizin" grundsätzlich misstrauen sollte, wenn in dem Bereich mal Humbug getrieben wird oder was schief läuft (sei es bei Brustimplantaten oder von Finanzintressen bewegten Entscheidungen).

Alles, was sich gut verkauft, zieht eben auch Scharlatane an, die daraus Profit schlagen wollen und vieles nicht so genau nehmen. Das spricht aber nicht gegen die Sache an sich, sondern gegen die Leute, die sie misbrauchen.
Alles andere wäre eine "Milchmädchen- und -bubenrechnung".

In Dt. z. B. gelten sehr strenge Vorschriften für den Verkauf von TCM-Heilmitteln.

Bookmark-Service:
359/558
Gesundheit
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika