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Vom Arztdasein in Amerika – 05.04.2012

Arzt zum Billigtarif in Deutschland

Meine US-Kollegen (und ich) verstehen die Welt nicht mehr. Zumindest die Welt in Deutschland. Die Bundesregierung hat bekanntermaßen den Gesetzesvorschlag einer leichter zu erhaltenden “Blauen Karte” gemacht, will heißen, dass nunmehr Nicht-EU-Ausländer ein Visum für Deutschland erhalten werden, wenn sie eine Arbeitsstelle nachweisen bei der sie mindestens 44.800 Euro jährlich verdienen. Die Einkommensgrenze wurde zugunsten erleichterter Visumsvergabe also deutlich nach unten gesetzt.

Für deutsche Ärzte besonders heikel ist jedoch die weitere Regelung: Nicht-EU-Ausländer erhalten ein Visum als Arzt, wenn sie eine Verdienstschwelle von mindestens 34.200 Euro nachweisen (http://www.focus.de/finanzen/news/wirtschaftsticker/ftd-bundesregierung-senkt-huerden-fuer-hoch-qualifizierte-auslaender_aid_728894.html). Das ist seltsam wenig, denn selbst ein Assistenzarzt im ersten Jahr verdient in Deutschland laut TV-Ärzte/VKA mehr als 30% darüber, nämlich knapp 46.100 Euro (http://oeffentlicher-dienst.info/c/t/rechner/aerzte/kommunal?id=tv-aerzte-vka-2012&matrix=1).

Das bedeutet, dass alle freien ärztlichen Stellen sofort mit Nicht-EU-Ausländer gefüllt werden könnten, natürlich gesetzt Anerkennung, Sprachkenntnisse und Wille zu kommen. Vor allem aus GUS-Staaten könnten recht viele diese Kriterien jedoch erfüllen.

Meinen US-Kollegen erzählte ich hiervon. Sie waren überrascht, dass die Bundesregierung das durchsetzen wolle. Noch überraschter waren sie, dass es anscheinend keinen Widerstand hiergegen gibt. “Eure Regierung verzerrt ja die Angebot-Nachfrage-Kurve!” Ein anderer: “Wollt Ihr Euren Lohn als Ärzte, der sowieso international schon nicht zu den besten gehört, noch weiter drücken lassen?” Ähnliche Fragen hörte ich auch von anderen US-Kollegen.

Doch wieso höre ich sie nicht bei den Betroffenen, uns deutschen Ärzten? Ist Geld nur in den USA wichtig? Oder war der Vorschlag der Bundesregierung ein verfrühter Aprilscherz und alle wissen das, nur ich nicht?


Leserkommentare

H.Braun am Sonntag, 8. April 2012, 10:50
Billiglohnland Deutschland
Mir scheint, daß sie die Einflussnahme der Ärzte - oder allgemeiner der Bürger des Landes - in der BRD doch weit überschätzen.

Gerade mit Blick auf die planetare Finanzkrise, kämpft die Politik doch darum, den kompletten Systemkollaps(!!) zu vermeiden oder wenigstens hinauszuschieben und das auf allen Ebenen.

In Deutschland heisst das einerseits der Bevölkerung die maximale medizinische Versorgung vorzugaukeln, bei gleichzeitiger Preisstabilität und das trotz bekannter demografischer Entwicklung, anhaltender Zuwanderung, Vermehrung der - tatsächlichen, nicht der statistisch niedrig manipulierten - Arbeitslosigkeit etc pp.
Hier in D wird seit Jahrzehnten das Niveau der Medizin gerade mithilfe des Helfersyndroms, der im sozialen Bereich Tätigen, aber auch durch zunehmende Leistungskürzungen, die sich geschickt hinter Burökratiemonstern verstecken erreicht.

Wie von "Inkontinenzia" erwähnt, ist das Öffnen des "ArztMarktes" und Lohndumping nur ein verzweifeltes Bemühen der Ausdünung unseres Berufsstandes( besonders dramatisch: Allgemein- und Hausärzte !) zu kompensieren.
Das wird aber so nicht funktionieren, da Deutschland seit Jahren, spätestens seit der durch Kanzler Schröder durchgesetzte Agenda 2010, schon längst Billiglohnland ist und die Zuwanderwelle auch aus dem Osten, wie " Schulte-Hillen" in ihrem Kommentar erwähnt, so sicher nicht stattfindet oder zukünftig stattfinden wird !
Man verdient dazu in D mittlerweile einfach in vielen Berufen zu wenig, als das sich ein Umsiedeln nach D lohnen würde. Da bieten sich die englischsprachigen Länder - momentan zumindest noch - viel eher an.

Dies betrifft natürlich nicht nur die Ärzte, sondern alle die im Heilberuf arbeiten, nur kommt einem bei unserem Berufsstand, aufgrund unserer sehr hohen Qualifikation etc. das ganz einfach nur noch unreal, ja geradezu pervers vor.

Ein bekannter psychiatrischer Kollege, names Bongartz verglich ironisch, doch treffend die Entwicklung unsere Welt mit einem schwer bipolar Erkrankten:
In den letzten Jahrzehnte verhielten wir uns global gesehen wie ein Bipolarer in seiner manischen Phase und lebten weit weit über unserem realen auch erwirtschafteten Bedingungen.
Nun rutschen wir seit Jahren mehr und mehr in die Depressive Phase ab......

Fragt sich nur, wo der Psychiater ist, der diese schwerwiegende planetare Erkrankung heilt ?!? :-)
Andreas Skrziepietz am Freitag, 6. April 2012, 15:13
Wir brauchen wieder den AiP
Am besten zwei Jahre. Und es wird funktionieren, weil wir alle die Persönlichkeitsstruktur des durchschnittlichen Medizinstudenten kennen.
schulte-hillen am Freitag, 6. April 2012, 13:23
keine Gefahr aus dem Osten
zu dem Statement:

"Das bedeutet, dass alle freien ärztlichen Stellen sofort mit Nicht-EU-Ausländer gefüllt werden könnten, natürlich gesetzt Anerkennung, Sprachkenntnisse und Wille zu kommen. Vor allem aus GUS-Staaten könnten recht viele diese Kriterien jedoch erfüllen."

Da besteht meiner Meinung nach überhaupt keine Gefahr, man könnte die Grenze bedenkenlos auf Null Euro herunterschrauben.

Ich telephoniere in meinem Job sehr oft mit Kollegen aus Osteuropa und wir sprechen dabei gelegentlich über dieses Thema...
Während es noch vor 5 Jahren in den Osteuropäischen Ländern viele Institute gab, die Deutschkurse für Ärzte anboten, sind es jetzt nur ganz wenige.

Die Institute haben alle auf englisch umgeschwenkt, die Nachfrage sei sehr groß, wurde mir berichtet.

Die von Ulla Schmidt damals angedrohte Masseneinwanderung tschechischer Ärzte nach Deutschland wird nicht geschehen. Die Kollegen aus Prag lernen nicht ohne Grund englisch....

Natürlich gibt es immer noch viele Kollegen aus dem Ausland, die in Deutschland arbeiten aber die wechseln ja in der Regel, sobald sie den Facharzt haben oder zumindest 1-2 Jahre Berufserfahung in Deutschland aufweisen können, sehr schnell ins Honorararztsystem um um das 3-4 fache der deutschen Kollegen zu verdienen. Offenbar sind die diesbezüglich flexibler als die deutschen Kollegen, was ja auch verständlich ist, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um die Kollegen handelt, die aus finanziellen Gründen bereits schon einmal zu einem Wohnortwechsel bereit waren als sie nach Deutschland kamen.

Ich halte diesen Artikel für einen der vielen "Panik und Angstmachartikel", die kursieren.

Das ständige Herumhacken auf irgendwelchen Institutionen (hier die Bundesregierung) verstehe ich als Ausdruck einer Suche nach einem Schuldigen.

Was den meisten Kollegen offenbar immer noch nicht klar ist:

- Es ist nicht die Aufgabe der Bundesregierung, das finanzielle Wohlergehen der Ärzte sicherzustellen

- Die Aufgabe der Entscheidungsträger der Kliniken besteht n i c h t darin, eine qualitativ hochwertige medizinische Betreuung der Bürger dieses Staates sicherzustellen sondern darin, Kosten einzusparen und - oder Profit zu machen. Dafür werden sie bezahlt.

Es ist völlig falsch, den bei Ärzten bestehenden Berufsethos als bei Regierung, Krankenhäusern oder Krankenkassen zu postulieren. Das sind keine Ärzte...

Die können und müssen unsere ärztlichen Wertvorstellungen gar nicht verstehen.

"Ärztliche Qualität", "Praxis - Netzdichte", "Versorgung der Bevölkerung", das sind alles feine Worte in unseren ärztlichen Ohren. Für die Entscheidungsträger im Gesundheitssystem sind das aber lediglich Begriffe, die das Label "teuer" tragen.

Insofern können diese Begriffe gar nicht ernstgemeintes Ziel dieser Institutionen sein. Wenn man das mal begriffen hat, steht man auch nicht mehr fassungslos vor der "Dummheit der "oben" getroffenen Entscheidungen“.

Die Entscheidungsträger sind nicht „dumm“, die Entscheidungen dienen der Gewinnmaximierung der Krankenkassen (deren abstruses Selbstverständnis ein ganz anderes Thema ist). Ziel ist es offenbar, die Anzahl der Praxen und der alten kranken Menschen drastisch zu reduzieren.

Und wenn die eine oder andere Oma deswegen verstirbt weil der mittlerweile 20 km entfernt wohnende Arzt es nicht mehr geschafft hat, nach „Dienstschluß“ einen Hausbesuch zu machen, um den „Husten“ als pulmonale Stauung zu diagnostizieren, kräht kein Hahn danach.

Und wenn doch, wird es dem Arzt und nicht denjenigen, die die Praxisdichte verringerten, angelastet werden.

Schuld an der finanziellen Misere der Ärzte sind nicht irgendwelche Institutionen.
Wir haben als Ärzte keinen Anspruch auf finanzielle Sicherstellung seitens dieses Staates.

Schuld an dieser Misere sind wir Ärzte selber. Warum arbeiten denn Kollegen in den Kliniken für ein mieses Gehalt? Warum akzeptieren wir es, dass wir nachts und an den Wochenenden weniger verdienen als tags?

Es gibt Alternativen dazu. Die Honorarärzte machen uns das jeden Tag vor. Sie können kommen und gehen, nehmen Urlaub, wann immer sie wollen, verdienen – wenn sie schlau verhandeln – im Bereitschaftsdienst 100% und tragen netto mindestens das doppelte nach Hause.

Und von dem Geld kann man so gut leben, daß man gar nicht mal eine volle Stelle arbeiten muß. insofern schaffen die Honorarärzte, wenn sie aus einer Festanstellung kommen und als Honorararzt nur zu 75% arbeiten, zusätzliche Stellen...

Hier soll keineswegs Neid geschürt werden gegen diese bunten Paradiesvögel des Berufsstandes. Ich halte sie eher für die „Jailbreaker“ unter den Ärzten und sie verdienen unseren Respekt und nicht unser Neid.

Kein Wunder, daß Klinikverwaltungen und Regierung derzeit alle Hebel in Bewegung setzen, dieser hochinteressanten Berufsalternative einen Riegel vorzuschieben...
Inkontinenzia am Freitag, 6. April 2012, 09:41
"LohnDumping"
Lieber Hr.Kollege,
ehrlich gesagt fühlt es sich für mich so an, dass man in Deutschl. mittlerweile das Gefühl hat in der alten DDR zu leben. Das System im Niedergelassenen Bereich ist extrem restriktiv. So wie es aussieht wird in nächster Zeit auch das PKV system( Privatversichterte) massiv verändert oder gleich abgeschafft bzw im Gesetzlichen System aufgelöst. Da dadurch unser gesamtes Gesundheitwesen quasi querfinanziert wird( Stationär wie Ambulant) werden die Auswirkungen ganz sicher gravierend bis desaströs sein ! Durch solche politische "Lösungen" wie von Ihnen hingewiesen, wird die zukünftige Versorgung der Bevölkerung - auf niedrigem Niveau - scheinbar sichergestellt. Als Facharzt wird mit einem zukünftigen Monatsverdienst von 1500-2500€ wohl rechnen müssen ;-)
Nach meinem Steuerberater sind das jetzt schon einige Niedergelassene, die er betreut, die in dem Lohnniveau rumdümpeln udn schlicht überleben !!
Summa summarum scheint mir, dass es von Seiten des Staatsapparates vorallem darum geht den "Status Quo" zu wahren - koste es was es wolle, zumal schon lange ein erheblicher Teil der Jungärzte das Land verlässt. Wer kann es ihnen übel nehmen ? Burn-Out lässt grüssen ^^

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