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Vom Arztdasein in Amerika – 15.02.2012

Die $4-Dollarliste (Teil Zwei) stößt an ihre Grenze

Jüngst kam ein von mir regelmäßig betreuter 41-jähriger Patient in die Praxis für seinen Routinebesuch. Obwohl er auf wirksame Medikamente eingestellt ist – allesamt von der 4-Dollarliste Doch ich hakte dieses Mal nach und ließ mir seine Finanzlage en detail schildern: Seine fünfköpfige Familie leben in einem staatlich bezahlten Haus. Ihre Krankenversicherung ist Medicaid, also staatlich bezahlt, und seine Medikamentenzuzahlungen bewegen sich meistens im Centbereich. Selbst wenn er die Medikamente aus eigener Tasche bezahlen müsste, wären es wohl zehn bis zwölf Dollar im Monat.

Er ist arbeitslos und erhält entsprechend Arbeitslosengeld in Höhe von knapp 900 monatlich. Er erhält noch weitere Kleinigkeiten wie Nahrungskreditkarten (“food stamps”) und Nebenkostenbezuschussung.

Er ist also nicht mittellos wie er es in seiner Eloquenz mir gegenüber jedes Mal darstellt. Das Umstellen auf die 20-Dollarnote geben würde; woraufhin mich der Oberarzt fragte, ob ich mir sicher sei, dass er die Medikamente damit kaufen würde.

Es bleibt mir nichts übrig als ihn – vom US-Staat bezahlt – weiterhin in meiner Praxis zu sehen und regelrecht zu bitten, dass er seine Medikamente einnimmt. Ihn darauf aufmerksam zu machen, dass die meisten seiner Erkrankungen reversibel, weil selbst verschuldet sind: Massive Adipositas (KMI von 46), Tabakkonsum, Schlaf-Apnö-Syndrom, Hypertonus, Diabetes, Kardiomyopathie.

In solchen Fällen weiss ich nicht weiter: Höhlt steter Tropfen wirklich den Stein? Was kann man denn noch mehr machen für meinen Patienten? Weiterhin eine moralische Frage: Wie weit sollte eine Gesellschaft gehen, um solch ein Gesundheitsverhalten, solch einen Raubbau an der eigenen Gesundheit, zu bezahlen?


Leserkommentare

petrulus am Freitag, 24. Februar 2012, 15:26
USA - wiese bleiben die Armen?
Eine Frage, die ich mir sehr oft stelle: Wenn die USA wirklich so unsolidarisch und die armen Menschen ein derart miserables Leben haben wie in den Medien dargestellt, wieso verlassen die vielen Arme dann nicht einfach die USA und emigrieren ins nahe gelegene Kanada oder in europaeische Laender? Das machen Wirtschaftsfluechtlinge aus andere Laendern auch.
Nach vielen Jahren in den USA weisz ich jedoch: Es gibt eine sehr verzerrte Darstellung der USA in den Medien und meine oft euphorisch-positive Perspektive kontrastiert das dann gelegentlich.
L.A. am Donnerstag, 23. Februar 2012, 10:27
Dieser Beitrag korrigiert so manche unserer (meiner) Vorurteile,
demzufolge die USA ein "sozial kaltherziges" und brutales Land sind. Leider findet man solche Informationen nicht in unseren Zeitungen, nicht im Fernsehen. Uns wird gesagt: Obama ist gut, die anderen sind schlecht, ganz schlecht - die "Ultrakonservativen", die "Erzreaktionären", die "Fundamentalisten" (letzteres ist die Argumentationskeule schlechthin...).
Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 16. Februar 2012, 18:58
Massive Adipositas (KMI von 46), Tabakkonsum, Schlaf-Apnö-Syndrom, Hypertonus, Diabetes, Kardiomyopathie
Ich hätte ihm geraten, McDonalds, Burger King und die Tabakfirmen auf ein paar Millionen zu verklagen, schließlich sind die schuld an seinem Zustand.
gammon am Donnerstag, 16. Februar 2012, 06:39
zu Ihren Fragen in letzten Absatz:
Der Mann hat eine 17 jährige Tochter, die bald zwei Kinder haben wird? Denken Sie denn wirklich, daß der Apfel in dieser Familie weit vom Stamm fiel und Ihr Patient das Wort Verantwortung kennt?
Gruß aus dem SW der U.S.A.

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