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Vom Arztdasein in Amerika – 29.12.2011

Sollen Nichtchristen an Weihnachten frei haben?

Ich muss dieses Jahr am Weihnachtstag arbeiten – so ist es eben als Arzt. Während ich durch die Krankenhausflure laufe, merke ich allenthalben, dass der Krankenhausbetrieb auf ein Minimum gefahren wurde und viele Menschen frei haben. Schön, dass sie Zeit zur Besinnung und zum Weihnachtsfest finden werden und diese freie Zeit bei ihren Liebsten verbringen können.

In USA gibt es gesetzlich zehn Feier- und damit arbeitsfreie Tage. Die meisten hiervon haben einen direkten Bezug zur US-Geschichte, sei es der Geburtstag des ersten US-Präsidenten George Washington, der jedes Jahr am 21. Februar begangen wird, der Unabhängigkeitstag der USA am 4. Juli oder das für US-Amerikaner sehr zentrale und familiärausgerichtete Erntedankfest “Thanksgiving”, das jedes Jahr am vierten Novemberdonnerstag begangen wird.

Für eine Liste der Feiertage verweise ich auf: http://www.opm.gov/operating_status_schedules/fedhol/2011.asp. Der einzige christlich inspirierte Feiertag unter diesen zehn Feiertagen ist hierbei der Weihnachtstag, der am 25.12. gefeiert wird und wofür man einen freien Arbeitstag bekommt; wenn er auf ein Wochenendtag fällt wie dieses Jahr, dann haben viele Menschen den folgenden Montag, also den 26.12., frei.

Am Rande sei erwähnt, dass all dieses nur begrenzt auf Ärzte in USA zutrifft – es gibt separate Listen mit „Krankenhausfeiertagen“.

Wir in Deutschland haben deutlich mehr christlich inspirierte Feiertage: Ganze zwei Weihnachtstage, Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag, Ostersonntag und Karfreitag, die in fast jedem Bundesland gefeiert werden, was naturgemäß für viele Menschen arbeitsfreie Tage bedeutet. Selbst in Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern oder Berlin, in dem der Anteil der Nichtchristen ein sehr hoher ist, sind diese Feiertage arbeitsfrei.

In etlichen anderen Bundesländern gibt es zusätzliche (arbeitsfreie) christliche Feiertage wie Allerheiligen, Heilige Drei Könige, Fronleichnam, Reformationstag und Mariä Himmelsfahrt. Da ist Deutschland – und viele andere europäische und südamerikanische Länder – anders als die USA.

Darüber sprach ich vor kurze mit Kollegen. Eine verblüffende Frage erwuchs aus der Diskussion: Haben Nichtchristen das Recht an solchen Feiertagen ebenfalls frei zu haben? Ist es nicht für Nichtchristen inkonsequent und gar unfair, wenn diese arbeitsfrei bekommen ohne einen konkreten Bezug zum Feiertag zu haben?

Darüber hinaus unterstützen sie ja weder finanziell noch spirituell eben jene Organisationen, also die christlichen Kirchen, die diese freien Tage erst ermöglichen: Manche von ihnen zahlen in Deutschland keine Kirchensteuer und einige von ihnen verhöhnen gar die christlichen Ideen und Einrichtungen, die ihnen jedes Jahr arbeitsfreie Tage bescheren.

Eine radikale Frage, deren juristischer Aspekt klar ist, deren ethischer Aspekt aber erörtert werden kann. Vor diesem Hintergrund forderten beispielsweise vor wenigen Jahren bundesgrüne Politiker die Aufnahme von moslemischen und jüdischen Feiertage als arbeitsfreie Tage in den Kreis der Feiertage: Sie erhofften sich mehr Ausgewogenheit.

Alternativ könnte der Arbeitsminister diese Frage aufgreifen und von nun an eben nur den Kirchensteuern zahlenden Bürgern freigeben während die anderen beispielsweise am 26.12. oder am Ostermontag arbeiten gehen müssen.

Man merkt: Am Weihnachtstag arbeiten ist nicht gut, da kommt man schnell auf solche Gedanken. Böse Zungen würden wohl sagen, es sei Neid auf diejenigen, die arbeitsfrei haben während ich arbeiten muss; wenn ich frei hätte, würde ich den 25.12. im Kreis meiner Familie verleben, anderen Gedanken nachhängen und abends in eine schöne Abendmesse gehen.

Den Glücklicheren wünsche ich ein frohes, besinnliches und in diesem Sinne arbeitsfreies Weihnachtsfest!


Leserkommentare

nasenbein am Sonntag, 1. Januar 2012, 13:55
Christliche Feiertage
ich muss sagen, dass mir schon vor Jahren ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Als ich meinen syrischen Kollegen muslimischen Glaubens im Scherz sagte, dass sie an Karfreitag arbeiten müssten, weil dies ein christlicher Feiertag sei, wurde ich erstaunt mit hochgezogenen Augenbrauen aber durchaus nicht ungläubig angesehen. Denkbar wäre es schon, dass jede Religion nur ihren Feiertage feiert. Aber nur im eigenen Land. Der verwaltungstechnische Aufwand wäre extrem hoch. In Deutschland lebt immernoch die Mehrheit in christlicher Tradition Mit der Institutionalisierung sind die christlichen Feiertage verfassungsrechtlich festgehalten und wir lassen alle, die in unserem Land arbeiten, egal welchen Glaubens oder ohne Glauben an diesen Feiertagen teilhaben in Form von bezahlter Freistellung von der Arbeit. Dafür muss an den Feiertagen der eigenen Religion gearbeitet werden.
Andreas Skrziepietz am Freitag, 30. Dezember 2011, 16:32
jüdischen Feiertage als arbeitsfreie Tage
Bin unbedingt dafür. Allein Hannuka würde uns acht arbeitsfreie Tage bringen. Und das ist längst nicht alles:
http://www.jg-dortmund.de/index.php?id=90

Weihnachten gabs schon in der Antike, war der Geburtstag des Sonnengottes (Sol invictus) und wurde von der christlichen Kirche übernommen.
advokatus diaboli am Freitag, 30. Dezember 2011, 07:38
Ein Fall für die BÄK?
Nun – ob der Blogger einen „verwirrenden Beitrag“ verfasst hat, kann und soll hier nicht entschieden werden, wenngleich es doch dem Blogger gut zu Gesichte angestanden hätte, die von ihm aufgeworfen Fragen einer Beantwortung zuzuführen, wenn schon nicht im rechtlichen so doch zumindest im „ethischen Sinne“. Denn immerhin glaubt er, die ethischen Aspekte hierbei ansprechen zu dürfen, wobei nicht ganz klar ist, auf ob er hiermit zugleich auch die Rechtsethik meint oder eher einen Blick in die ethische allgemeine Glaskugel zu werfen glaubt, aus der nicht selten gerade hochrangige Funktionäre der Ärzteschaft ethische und moralische Standards zu generieren beabsichtigen, die insbesondere die eigene Berufsgruppe binden sollen. Die Feiertage sind insofern demokratisch „legitimiert“ und fußen auf der Grundlage ordentlicher Gesetze, über deren ratio leges gelegentlich diskutiert wird. Dies verwundert insofern nicht, weil immerhin wir in einem säkularen Staat leben und insofern gerade der Staat zur Neutralität verpflichtet ist. Von daher ist es ein Zugeständnis an die Religionsgemeinschaften, dass die Feiertage, die überwiegend christlichen Ursprungs sind, landesrechtlich „abgesichert“ werden. Der Blogger hat nun im Eifer seiner Gedanken hierbei außer Betracht gelassen, dass im Zweifel „nur“ die Abschaffung der christlichen Feiertage eine Option darstellt und nicht etwa die Ausgrenzung der Nichtchristen, die sich gelegentlich auch erlauben, nachhaltige Kritik an den kirchenspezifischen Dogmen – etwa der Heiligkeit des Lebens – zu üben.

Interessant wäre vielmehr die Frage, ob sich hier nicht ein weiteres Betätigungsfeld etwa auch für den Marburger Bund ergibt, in dem er die scheinbare Ungleichbehandlung zwischen Christen und Nichtchristen resp. „Ungläubigen“ dadurch zu überwinden versucht, in dem er künftig in enger Kooperation mit der BÄK einen Teil ihrer Mitglieder zur „Feiertagsarbeit“ verpflichtet, um so den gläubigen Kolleginnen und Kollegen die ungestörte Religionsausübung zumindest an den „Hochfesten“ ermöglichen zu können. Vielleicht kann auch ein Tag des Hippokrates ausgerufen werden, der dann sozusagen als Ausgleich für die Feiertage von all denjenigen wahrgenommen werden kann, die eben nicht Christen sind. Eine Ungleichbehandlung ist zwar dann auch nicht von der Hand zu weisen, aber immerhin können die dem Christentum besonders verpflichteten Ärzte sich damit beruhigen, in dem sie sich gleich ein Gebot in Erinnerung rufen: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben (so also auch nicht Hippokrates). Da aber die BÄK den Anspruch erhebt, eine moralische Autorität in unserer Gesellschaft verkörpern zu wollen, erscheint es allerdings nicht ausgeschlossen, dass die BÄK eine eigene Feiertagsregelung im Berufs- resp. Standesrecht der verfassten Ärzteschaft auf den Weg bringt, die dann zumindest von den „Halbgöttern in Weiß“ zwingend zu akzeptieren ist. Die individuelle Gewissensentscheidung der Ärztinnen und Ärzte wurde bereits „zu Grabe getragen“ und da ist es nicht ausgeschlossen, dass dieses Schicksal auch die Religionsfreiheit (gerade in Gestalt als negatives Freiheitsrecht) zuteil werden könnte.
ÄrzteblattBenutzername am Donnerstag, 29. Dezember 2011, 22:32
Ich schätze Ihren Blog ja sonst sehr ...
... aber hier wirken Sie auf mich ein wenig verwirrt:

Weihnachten, geweihte Nächte, gab es schon vor dem Christentum. Das Christentum hat sein Fest nicht zufällig in die Zeit der Sonnenwende gelegt.

Zum anderen ist die Behauptung, durch die Kirchensteuer würden „christliche“ Feiertage ermöglicht, dermaßen schräg: da muß mindestens einer von uns was wesentlich mißverstanden haben.

Und die Formulierung, der Arbeitsminister gebe den Bürgern frei ...

Wird der 1. April in Amerika am Jahresende begangen oder habe ich die Ironiehinweise übersehen?

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