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Vom Arztdasein in Amerika – 22.12.2011

Nicht medizinische Eindrücke aus Minneapolis

Meine zwei Wochen alte Tochter Luise hat Reisepläne: Sie will die in Deutschland lebende Großeltern besuchen. Daher musste sie mit ihren Eltern zur US-Passbehörde, denn ohne Reisepass geht das Reisen nun einmal nicht. Einige kausal nicht unbedingt miteinander verbundene Eindrücke ihres Weges dorthin will ich mitteilen; schließlich schreibe ich sonst vor allem als Mediziner und nur selten von dieser wirklich schönen Stadt und lebenswertem Bundesstaat.

Minneapolis ist eine der kältesten Städte der USA: Mehr als drei Monate im Jahr sinken die Temperaturen unentwegt unter den Gefrierpunkt. Manche meiner Oberärzte kommen daher mit Langlaufskiern zur Arbeit und Eisfischen ist für viele eine ernsthafte Sportart.

Ich selber laufe Schlittschuh auf den vielen zugefrorenen Seen und bin kurz davor, mir ein Schneebrett zu kaufen, um das „Schneebrettgleiten“ („snow kiting“) zu erlernen.

Doch derzeit ist schneefrei, was eine große Ausnahme für diese Jahreszeit bedeutet. Dennoch ist es kalt. Wohl gerade wegen dieser Temperaturen ist eines der Partnerstädte von Minneapolis Nowosibirsk – bei Austauschen fühlt man sich schnell daheim.

Diese frostigen Temperaturen erklären wohl auch, wieso unsere Tochter Luise während der Autofahrt heute statt eines vollen einen leeren „Besetzt Wall Street“ Zeltplatz sah: Die Demonstranten hatten ihre Schilder zurückgelassen und saßen in warmen Stuben. Demonstrieren ist heutzutage eben harte Arbeit, vor allem bei solchen wichtigen Themen.

Die Stadt und der Staat genießen national den Ruf eines effizient geleiteten Bundesstaates, dessen Bevölkerung nicht nur nett zueinander ist (Stichwort „Minnesota nice“), sondern auch hart arbeitend und sehr sozial orientiert.

Entsprechend schnell wurde auch Luise in der Passbehörde aufgerufen und bedient. Liegt das daran, dass der überwältigende Teil der Zuwanderer Skandinavier und Deutsche sind? Das erklärt auch, warum die Bevölkerung eher so aussieht wie in der norddeutschen oder dänischen Provinz und warum wir Deutsche nicht sonderlich auffallen.

Nur Minneapolis und St. Paul als urbane Siedlungsräume sind hier die Ausnahme: Während Luises  Eltern feierlich die rechte Hand hoben und vor dem US-Beamten schwörten, dass der Reisepassantrag richtig und korrekt ausgefüllt worden war, schaute sie gelangweilt herum. Und sah zur rechten eine somalische Familie, zur linken eine Hmong-Familie. Und wusste, dass sie in der modernen USA war. Und vom Eingang lächelte ihr huldvoll Dr. Obama von einem großen Bild zu.


Leserkommentare

Henry I am Freitag, 23. Dezember 2011, 18:17
@ Andreas Skrziepietz
Ja, natürlich.
Auf wen wollen Sie sonst schwören? Auf Marx vielleicht oder Stalin?
Wer sich weigert, wird umgehend nach Nordkorea abgeschoben ;-)
Andreas Skrziepietz am Freitag, 23. Dezember 2011, 16:36
Muß man auf Gott schwören?
Ist in Gottes eigenem Land ja ziemlich wahrscheinlich, zumal Minnesota ja im "bible belt" liegt, wenn ich mich nicht irre.
Was passiert, wenn man sich weigert?

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