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Gesundheit – 16.12.2011

Fußball-Fieber verursacht Addisonkrise

Wenn wichtige Spiele verloren gehen oder das entscheidende Tor erst in der Nachspielzeit fällt, brauchen eingefleischte Fußballfans nicht nur gute Nerven. Auch ihre Nebennieren sollten in der Lage sein, genügend Stresshormone zu produzieren. Ist dies nicht der Fall wie beim Morbus Addison, kann es zu einer tödlichen Krise kommen. Der Mangel an Gluko- und vor allem an Mineralokortikoiden führt zu einer hypotone Dehydratation, die in einen Kreislaufschock entgleisen kann.

Glücklicherweise ist die Erkrankung heute seltener als zu Zeiten von Thomas Addison, der 1855 als erster die Kombination aus Hyperpigmentierung und körperlicher Erschöpfung auf eine Nebenniereninsuffizienz zurückführte.

Sie trat damals vor allem als Folge einer aktiven Tuberkulose auf. Heute ist die Ursache meist eine seltene Autoimmunerkrankung, die Akbar Choudhry vom Trafford General Hospital in Manchester bei einer 58 Jahre alten Anhängerin von Manchester United diagnostizierte. 

Die Frau erfreute sich lange einer ausgezeichneten Gesundheit und trieb viel Sport, bis sich eine zunehmende Erschöpfung einstellte. Schon leichte Spaziergänge führten zu Schwächezuständen und Beschwerden in der Brust.

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Sie litt unter Angst- und Panikzuständen, klagte über Palpitationen und Ohnmachtsgefühle, die sich immer dann verstärkten, wenn sie im Old Trafford Stadion die Heimmannschaft anfeuerte. Bei zwei entscheidenden Spielen gegen Manchester City und Chelsea war sie kurz davor das Stadion zu verlassen, weil sie befürchtete zu kollabieren.

Zum Glück hatte sie einen Sitzplatz in den unteren Rängen. Jede zusätzliche körperliche Anstrengung hätte möglicherweise eine tödliche Krise ausgelöst.

Choudhry spricht in der Weihnachtsausgabe der Britischen Ärteblattes mit britischem Humor von einer „Manchester United induzierten Addison-Krise“. Die Diagnose wurde durch den fehlenden Anstieg der Kortisolspiegel nach einer Synacthen-Stimulation gestellt.

Weitere Hinweise waren deutlich erhöhte ACTH-Werte (509 ng/l, normaler Wert 0-46 ng/l), ein fehlender Aldosteronnachweis und erhöhte Reninwerte. Schließlich wurden Antikörpern gegen die Nebennierenrinde nachgewiesen.

Die Patientin wird inzwischen erfolgreich mit Steroiden substituiert. Die Tabletten nimmt sie täglich um 15:30 Uhr und 20:30 Uhr ein, so dass sie für die Nachmittags- und Abendspiele genügend Stresshormon-Reserven hat, auch wenn es wieder einmal sehr knapp wird wie jüngst bei einem Champions League-Spiel gegen den FC Basel, in dem Manchester der Ausgleich erst in der letzten Minute gelang (Nicht berichtet wird, wie die Frau das Ausscheiden ihrer Mannschaft nach dem verlorenen Rückspiel verkraftete).

Insgesamt dürfte die Erkrankung zu selten sein, um ein Screening aller Fußballfans zu rechtfertigen, bei denen andere ethanol-bedingte Gesundheitsrisiken eher im Vordergrund stehen dürften.


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