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Gesundheit – 13.12.2011

Chronisches Erschöpfungssyndrom britischer Schulschwänzer

In England bleiben nicht wenige Jugendliche der Schule fern. In drei Sekundarschulen in Bath verpasst jedes sechste Kind mehr als 20 Prozent des Unterrichts - unentschuldigt. Man ist geneigt hier strukturelle Defizite der strengen britischen Schulerziehung zu sehen, die bis vor wenigen Jahren noch die körperliche Züchtigung der Kinder erlaubte.

Nicht so Esther Crawley von der Universität Bristol, die in einem Pilotprojekt die Schulschwänzer nicht den Behörden meldete. Die 11- bis 16-Jährigen mussten sich stattdessen in ihrer Beratungsstelle für myalgische Enzephalopathie (ME) oder chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS) vorstellen.

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Bei fünf der 315 Schulschwänzer war bereits ein ME/CFS bekannt. Bei weiteren 23 wurde die Diagnose neu gestellt. Damit beträgt die Prävalenz der Erkrankung etwa ein Prozent (28 von insgesamt 2.855 Schulkindern). Was aus Sicht der Autorin nicht übertrieben ist.

Für ihre These spricht, dass sich von 19 Kindern, denen eine Therapie angeboten wurde, 12 innerhalb eines halben Jahres von ihrer Erkrankung erholten. Allerdings fehlt eine Vergleichsgruppe, die die Wirkung anderer Maßnahmen, etwa eine pädagogische Beratung der Eltern oder einen Schulwechsel untersucht hätte. Somit muss offen bleiben, welchen Beitrag die beiden Behandlungsmethoden, eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine „Graded Exercise Therapy“ (bei der die körperliche Aktivität stufenweise gesteigert wird), geleistet haben.

Den betroffenen Eltern kann dies egal sein. Jede Maßnahme, die die Kinder wieder für den Unterricht gewinnt, ist für sie wertvoller als eine Bestrafung. Schuleschwänzen wird in England mit empfindlichen Geldstrafen für die Eltern geahndet.


Leserkommentare

ESchmalz am Mittwoch, 14. Dezember 2011, 23:58
Ernste Fragezeichen bezüglich Diagnosestellung, gefundener Prävalenz und gezogenem Schluss
Wie im obigen Kommentar angesprochen, spielen auf Grund des Mangels eines Diagnosetests die Auswahl der Diagnosekriterien und deren korrekte Anwendung bei ME/CFS eine entscheidende Rolle.

Bisherige Studien aus den USA und Grossbritannien aus den Jahren 1999, 2003 und 2011 sind zum Schluss gekommen, dass die Prävalenz von ME/CFS, nach den Fukuda-Kriterien [1] diagnostiziert, bei 0,42% [2], bzw. 0,235% [3] und 0,19% [4] liegen.

Lediglich Studien, bei welchen weniger strenge Diagnosekriterien angewendet wurden, wie z.B. die "empirischen CDC-Kriterien" [5], fanden eine höhere Prävalenz von ME/CFS, so wie sie Esther Crawley berichtet hat, im Fall der "empirischen Kriterien" z.B. von 2,54% [6]. Solche loseren Kriterien sind aber sehr fragwürdig, im Fall der "empirischen Kriterien" muss davon ausgegangen werden, dass sie in vielen Fällen fälschlicherweise Leute, welche an klinischer Depression leiden, miterfassen [7]. Bei Prävalenzzahlen, wie den in Ihrem Artikel genannten, welche bei Anwendung der Fukuda-Kriterien nie beobachtet werden konnten, drängt sich daher der Verdacht auf, dass auch hier falsche Diagnosen gestellt wurden.

Es ist interessant, zu den im Artikel genannten Zahlen einige Überlegungen anzustellen:

Bei den 2855 Schulkindern soll in 5 Fällen bereits ME/CFS diagnostiziert gewesen sein. Das entspricht einer Rate von ca. 0,18% (5/2855 = 0,00175), was im oben genannten, bekannten Rahmen liegt. Dies ist auch nicht erstaunlich, da diese Diagnosen vermutlich von Hausärzten gestellt wurden, welche sich an die gebräuchlichen Diagnose-Kriterien gehalten haben (in der Regel Fukuda [1]).

Haben sich nun 12 von 19 Kindern innerhalb eines halben Jahres wieder erholt, sind das ungefähr 63% der Kinder, welche behandelt wurden. Das arithmetische Mittel der oben genannten, in bisherigen Studien gefundenen Werte für die Prävalenz von CFS nach den Fukuda-Kriterien beträgt ca. 0,28% ((0,42 + 0,235 + 0,19)/3 = 0,2817). Geht man davon aus, dass dies die tatsächliche Prävalenz von ME/CFS in der hier relevanten Gruppe von Schülern war, liegt die Erfolgsrate von 63% relativ genau im Rahmen der vermutlichen Rate der Fehldiagnosen von 72% (1% - 0,28% = 0,72%, 0,72%/1% = 0,72).
Es drängt sich die Vermutung auf, dass die Mehrzahl oder alle der hier "erfolgreich behandelten" Kinder gar nicht an ME/CFS litten.

Das würde sich auch mit dem aktuellen Kenntnisstand decken, dass die im Artikel genannten Therapien bei nach streng definierten Kriterien ausgewählten Patienten unwirksam oder gar schädlich sind [8] und leider, von experimentellen Behandlungen, die noch nicht marktreif sind abgesehen, ME/CFS in der Regel noch nicht erfolgreich behandelt werden kann. Es besteht hier ein immenser Bedarf für weitere (gute!) Forschungsarbeit, wie z.B. diejenige, welche momentan in Norwegen stattfindet und über die Sie vor kurzem berichtet haben (http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/47760/Hilft-Rituximab-bei-chronischem-Ersch_pfungssyndrom-.htm).

Eric Schmalz
Verein CFS Schweiz


Referenzen:
1. Fukuda K, Straus SE, Hickie I, Sharpe M, Dobbins JG, Komaroff A: The chronic fatigue syndrome: a comprehensive approach to its definition and study. Ann Int Med 1994, 121:953-959.

2. Jason LA, Richman JA, Rademaker AW, Jordan KM, Plioplys AV, Taylor RR, McCready W, Huang CF, Plioplys S: A community-based study of chronic fatigue syndrome. Arch Int Med 1999, 159:2129-2137.

3. Reyes M, Nisenbaum R, Hoaglin DC, Unger ER, Emmons C, Randall B, Stewart JA, Abbey S, Jones JF, Gantz N, Minden S, Reeves WC: Prevalence and incidence of chronic fatigue syndrome in Wichita, Kansas. Arch Int Med 2003, 163:1530-1536.

4. Nacul LC, Lacerda EM, Pheby D, Campion P, Molokhia M, Fayyaz S, Leite JC, Poland F, Howe A, Drachler ML: Prevalence of myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome (ME/CFS) in three regions of England: a repeated cross-sectional study in primary care. BMC Medicine 2011, 9:91.

5. Reeves WC, Wagner D, Nisenbaum R, Jones JF, Gurbaxani B, Solomon L, Papanicolaou DA, Unger ER, Vernon SD, Heim C: Chronic fatigue syndrome – a clinically empirical approach to its definition and study. BMC Medicine 2005, 3:16.

6. Reeves WC, Jones JJ, Maloney E, Heim C, Hoaglin DC, Boneva R: New study on the prevalence of CFS in metro, urban and rural Georgia populations. Population Health Metrics 2007, 5, Article 5.

7. Jason LA, Najar N, Porter N, Reh C: Evaluating the Centers for Disease Control’s Empirical Chronic Fatigue Syndrome Case Definition. Journal of Disability Policy Studies 2008, doi:10.1177/1044207308325995.

8. Núñez M, Fernández-Solà J, Nuñez E, Fernández-Huerta JM, Godás-Sieso T, Gomez-Gil E: Health-related quality of life in patients with chronic fatigue syndrome: group cognitive behavioural therapy and graded exercise versus usual treatment. A randomised controlled trial with 1 year of follow-up. Clin Rheumatol 2011, 3:381-389.
Laufs am Mittwoch, 14. Dezember 2011, 02:21
Very british!
Meiner Ansicht nach besteht der größte Mangel dieser Studie darin, dass es keine Vergleichsgruppe gibt, in der die Fukuda- oder besser noch die kanadischen Kriterien zur Diagnostik von CFS/ME zur Anwendung gekommen wären. Die Unterschiede wären aufschlussreich gewesen! Dieser Studie lagen stattdessen nur die sogenannten "NICE guidelines" zur Diagnostik zugrunde wonach bereits CFS/ME vorliegen soll sobald jemand drei Monate (oder länger) unter Erschöpfung sowie einem (!) weiteren Symptom leidet. Dass es im Rahmen einer solch schwammigen Definition möglich ist viele Patienten erfolgreich zu therapieren ist nicht verwunderlich aber die Frage was da eigentlich therapiert wurde bleibt offen. Diese Studie ist "very british": sie bietet zwar scheinbar Lösungen an aber nur unter Missachtung der internationalen Standards zur Diagnostik und Erforschung von CFS/ME. Und: leider helfen Scheinlösungen immer nur einem sehr begrenzten Personenkreis.

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