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Vom Arztdasein in Amerika – 13.12.2011

Ausbildungsasyl: Teil Zwei

Meine Stimmung in Minneapolis war in meinen ersten Arbeitsmonaten eine geradezu euphorische, denn die Ausbildung war vom Niveau her exzellent und klar strukturiert. Das Arbeiten als Internist war weniger ein Herumstochern, wie ich es manchmal davor wahrgenommen hatte, denn ein systematisches Vorgehen mit klarem diagnostischen und therapeutischen Arsenal.

Dennoch auch in USA einige frustrierende Momente für mich: Als Erstjahrassistenten wurden wir beinahe exzessiv an die Hand genommen und mussten selbst einfachste Fragestellungen wie beispielsweise Kaliumsubstitution bei Werten von 3,4 mM mit unseren Oberärzten diskutieren.

Einfache Therapieentscheidungen wie die Erstmedikation bei Diabetikern artete manchmal in ganzstündige Diskussionen über Diabetesbehandlung aus. Vielfältige Insulinberechnungsschemata wurden uns vorgestellt, unzählige Leitlinien durchgearbeitet und mehrmals täglich piepsten uns unsere Fach- und Oberärzte an, „um den Patienten ein weiteres (drittes, viertes, manchmal zehntes) Mal zu besprechen“. Dazu täglich zwei bis drei Stunden vorlesungsartige Weiterbildungskurse und medizinische Diskussionsrunden, zweimal im Monat stattfindende Reanimationssimulationen, EKG-Seminare et cetera.

Ich kam durch diese für mich sehr glückliche Anfangsausbildungzeit bestens durch, lernte sehr viel und die Zügel wurden allmählich gelockert. Dann kam, beginnend im zweiten Assistentenjahr, ein deutliches Stimmungstief, eines durch das die meisten meiner Kollegen hindurchgingen; das Tief, das aus dem Gefühl erwächst, nur noch zu arbeiten, des Nur-im-Krankenhaus-seins.

Die US-Ausbildung verlangte gefühlte  Dauerpräsenz, oft 80 Wochenstunden wochenlang am Stück. All diese multimorbiden Menschen, dieses ständige Angepiepstwerden, das einen stets begleitendes leichtes Müdigkeitsgefühl – es war wie in Samuel Shems “House of God”. Selbst als mein erstes Kind zur Welt kam, konnte ich mir nicht mehr als fünf Tage am Stück freinehmen, weil ich weder meinen Kollegen meine Stationsarbeit zumuten wollte noch ausreichend Urlaub hatte. Die Vorträge, die ich mir so gewünscht hatte wurden anstrengend: Schon wieder Lemierre-Syndrom? Erneut eine Diskussion zur Therapie des septischen Schocks? Eine neue Reanimationsleitlinie, die wir üben sollen?

Auch das liegt nun hinter mir; knappe sechs Monate bis ich mit meiner Ausbildung fertig bin und ein fertiger (US-)Facharzt sein werde. Das Schöne: Ich fühle mich bestens vorbereitet als Internist. Natürlich weiß ich, dass es noch viel mehr zu lernen gibt und dass ich beispielsweise im Vergleich zu einem deutschen Internisten nur begrenzt Ultraschallkenntnisse habe. Aber meine Oberärzte und Chefarzt haben ihr Versprechen gehalten: Ich habe sehr viel gelernt, und  es macht mir sehr viel Spaß als Internist zu arbeiten.

Seit einiger Zeit geistert eine Idee in mir herum: Ich würde gerne anderen in der Medizin Tätigen, seien es Ärzte, Studenten oder Krankenpflegepersonal, Unterricht geben. Denn es begeistert mich, wie viel Arbeit und Energie andere in meine Ausbildung gesteckt haben und gerne will ich diese weiterreichen. Außerdem ist es schön, Internist zu sein; ein Gefühl, das ich gerne weitergeben will. Ob‘s klappt? Als zurückgekehrter Ausbildungsasylant dann in Deutschland?


Leserkommentare

Andreas Skrziepietz am Mittwoch, 14. Dezember 2011, 18:13
Als zurückgekehrter Ausbildungsasylant dann in Deutschland?
wohl verrückt geworden! als ob es in deutschen kliniken erwünscht wäre, studenten oder assistenzärzten etwas beizubringen.

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