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Vom Arztdasein in Amerika – 06.12.2011

Ausbildungsasyl: Teil Eins

Als ich mich Ende 2008 an diversen US-Krankenhäusern vorstellte, wurde ich häufig gefragt, wieso ich als Arzt in den USA arbeiten und leben wolle. Meine Antwort war stets gleichlautend: Weil ich „Ausbildungsasylant“ sei. Man schaute mich dann oft verwundert an und bat um eine Erläuterung.

Ich will es nicht leugnen: Ich bin wissbegierig. Manche würden mich gar als Streber bezeichnen. Mein Abitur habe ich mit Höchstnote abgelegt, mein Studium als einer der besten beendet und meine Dissertation mit sehr guter Note geschrieben. Ich erhielt ein Leistungsstipendium angesichts guter und sehr guter Kurs- und Staatsexamensnoten.

Ich besuchte die Vorlesungen und benutzte als Lernbücher nicht Kurzlehrbücher sondern die umfangreicheren Fachlehrbücher. Eigeninitiative habe ich gezeigt, wenn ich persönliche Wissensdefizite feststellte und diese beheben wollte, beispielsweise als ich einen Nahtkurs für uns Studenten im achten Semester organisierte, Extradienste während meiner neurologischen Famulatur in einer Geburtsklinik absolvierte, um Erfahrungen bei der Kindsgeburt zu sammeln oder einen Verbands- und Gipskurs für uns PJler ins Leben rief. Nebenher habe ich diverse Nebenjobs gehabt, um mir mein Studium leisten zu können.

Ich war eben der klassische Medizinstudent: Wissbegierig, arbeitsam und immer auf der Suche nach Möglichkeiten, ein noch besserer Student zu sein um eines Tages ein sehr guter Arzt zu werden. Der Held Jons Jeromin aus dem Roman von Ernst Wiechert „Die Jeromin-Kinder“ war eines meiner Vorbilder in seinem Fleiß, seiner Bescheidenheit und seinem Idealismus auf seinem Weg zum Arztberuf.

So beendete ich mein Studium im Herbst 2007; die Frage war da noch ungeklärt, wo ich meine Ausbildung zum Internisten machen sollte. Eine Stelle in der Schweiz schlug ich damals aus, einfach weil die Schweiz von deutschen Ärzten mir als zu überlaufen und die Ausbildung gut, aber eben nicht exzellent schien.

So ging  ich nach Frankreich im naiven Glauben, dass ein ärztliches Leben und Arbeiten in einem Land mit historisch großartiger Medizin und bedeutenden Ärzten (Babinski, Charcot, Guillain etc.) auch eine sehr gute Ausbildung bedeuten würde. Leider täuschte ich mich und kehrte mit zwar vielen sehr interessanten Erlebnissen, aber suboptimaler Ausbildungserfahrung zurück. Dann das Arbeiten an zwei bundesdeutschen Krankenhäusern, die hiesige Ausbildung erprobend.

Leider bestätigte sich mein Eindruck aus meiner Studienzeit und die Ausbildungsformate waren ebenfalls für meine Verhältnisse suboptimal. Ich hörte mich bei ärztlichen Freunden und Bekannten um, die in der Schweiz, in England oder in skandinavischen Gefilden arbeiteten; aber so recht gefiel mir nicht, was ich über die dortige Ausbildung hörte. Am positivsten war das, was ich von in USA arbeitenden deutschen Ärzten hörte. Ich wagte den Sprung nach gründlicher Vorbereitung.

So begann meine Vorstellungsreise Ende 2008 in deren Verlauf ich mich an elf Krankenhäusern vorstellte. Oft sprach ich vom „Ausbildungsasyl“. Man schaute mich zwar etwas seltsam angesichts dieses Wortungetümes an, aber man akzeptierte es nach meinen Erläuterungen. Am Ende entschied ich mich für eine Stelle in der Dreimillionenmetropole Minneapolis/St. Paul, und ich zog nach Minneapolis. So kam ich denn in die USA als ein Ausbildungsasylant.


Leserkommentare

mediko am Sonntag, 11. Dezember 2011, 10:30
@ "fehlt da nicht noch was?"
nein, da fehlt sicher nichts: nach der 3. Nominierung zum Nobelpreis (die der Kollege wegen seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit nicht erwähnt hat) machen die Amis 'ne Ausnahme.
Andreas Skrziepietz am Mittwoch, 7. Dezember 2011, 18:13
fehlt da nicht noch was?
soviel ich weiß braucht man das amerikanische examen, um dort arbeiten zu dürfen.

"Mein Abitur habe ich mit Höchstnote abgelegt, mein Studium als einer der besten beendet und meine Dissertation mit sehr guter Note geschrieben."

ich nicht. die pauker haben mich gehaßt, in den mündlichen prüfungen im studium gabs auch oft ärger und ich wollte nur den titel - kann man ja immer mal gebrauchen...

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