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Vom Arztdasein in Amerika – 29.11.2011

Warum als Arzt in Deutschland arbeiten?

In einem halben Jahr, im Juni des Jahres 2012, werden wir internistische Assistenzärzte unser drittes Ausbildungsjahr abgeschlossen haben und somit Fachärzte sein. Wir freuen uns darauf. Es muss zwar noch eine umfangreiche Facharztprüfung im Anschluss an die Ausbildung geschrieben werden, aber selbst wenn man diese nicht besteht kann man – etwas eingeschränkt – als Facharzt arbeiten.

Was kommt danach? Manche meiner Kollegen spezialisieren sich weiter – beispielsweise eine zum Intensivmediziner, ein anderer zum Nephrologen – die große Mehrzahl wird jedoch zunächst als Allgemeininternist arbeiten. Was werde ich machen? Mittel- und langfristig zieht es mich zurück in die deutschsprachige Welt, doch im Detail habe ich den Ablauf der nächsten Schritte derzeit noch nicht festgelegt.

Da der Internist viel mit chronischen, nur bedingt heilbaren Krankheiten zu tun hat, ist diese Fachrichtung nicht eben die beliebteste. Außerdem ist der Jahresverdienst bei US-Internisten im Verhältnis zu anderen medizinischen Fachrichtungen unterdurchschnittlich. Daher herrscht Arztmangel an Internisten und die freien Arbeitsstellen sind zahlreich.

Entsprechend haben all meine Kollegen schon Arbeitsverträge unterschrieben. Oft sitzen wir im Assistentenzimmer beisammen und erzählen uns von diesen baldigen Arbeitsstellen. So wird eine meiner Kollegen Teil einer größeren Praxisgemeinschaft werden, vier Tage die Woche arbeiten und somit versuchen, sowohl ihre bald um ein weiteres Kind erweiterte Familie als auch Beruf unter einen Hut zu bringen.

Arbeitszeit knapp 8 bis 17 Uhr, Jahreseinkommen so um die 220.000 und 235.000 bei ebenfalls 26 Jahreswochen an Arbeitszeit. Et cetera.

zum Thema
Als ich kürzlich mit meinen Kollegen übers Arbeiten in Deutschland sinnierte, baten sie mich um Details. Typisch für US-Amerikaner, wollten sie vor allem vom Einkommen berichtet bekommen. Anhand des TV-Ärzte Tarifvertrages und der dortigen Einkommenstabelle konnte ich das Einkommen erläutern; es herrschte Sprachlosigkeit. Dasz ein Internist, ein Fachinternist, als Einstiegsgehalt 4834,11 Euro monatlich erhält (Jahresgehalt rund 58.000 Euro) schien meinen Kollegen nicht glaubhaft; so ein kleiner Unterschied zum Assistentengehalt? Auch kein Verhandlungsspielraum?

Selbst als ich den Betrag um 30% angesichts von Bereitschaftsdiensten und einiger Boni (Privatpatienten, Krankenhausbonus usw.) auf knapp 75.000 Euro erhöhte, waren meine Kollegen fassungslos. Als ich dann noch von höherer Steuer- und Sozialversicherungslast berichtete, von 19% Mehrwertsteuer (statt zumeist 7% in USA) und diversen anderen Abgaben klopfte mir einer auf die Schulter und meinte lakonisch: „Hoffentlich sind die Patienten Dir wenigstens dankbar für Deinen Einsatz und die Krankenhausarbeit macht Spaß. Sonst würde ich als Arzt gar nicht bei Euch in Deutschland arbeiten“.

„Arrogante Antwort, ich arbeite doch nicht ausschließlich des Geldes wegen”, dachte ich bei mir; aber etwas Wahres war an seiner Aussage schon dran.


Leserkommentare

derfremdlinge am Mittwoch, 30. November 2011, 23:04
Die Medizin in USA ist eher defensiv
Lieber Petrulus,

die Medizin in USA eher definsiv. Der Pat. verklagt einfach seinen Arzt, und der Arzt aus Angst, etwas falsch zu machen, entweder führt keine Behandlung , oder viel unnötige Diagnostik dürch, um sich vom Patienten abzusicher. Der Arzt hat dort Angst vor Patienten und Juristen. In einem interessanten Survey von 107 juristische Beschwerden gegen Radioonkologen, der von Flechter Society veranlasst wurde, waren 59% von Beschwerdenden Frauen. Die 4 häufigste Tumorlokalisationen waren Gynäkologische Tumoren 17%, Brustkrebs 16%, HNO-Tumoren 14%, Urologie 12%. Die akturiale Wahrscheinlichkeit, dass der Radioonkologe in 30 Jahren frei von juristischen Klagen überlebt, betrüg nur 35%. The National Association for Insurance Commissioners berichtet über annuale Klagquote von 66,000 zwischen 1977 und 1983; gleichzeitig berichtet Cook County über gesamte Kunstfehler von 18,860 zwischen 1975-1994.
Die Rate der Kaiserabschnitt als anders Beispiel ist auf 90% gestiegen, obwohl die Indikation zur Kaiser-Abschnitt nur bei 4% laut amerikanischen Lehrbüchern gerechtfertigt. Also Geld ist wichtig, ist aber nicht das alles.
Ich arbeite als Assistenzarzt der Radioonkolgie, obwohl ich ein Fremdlinger in einem mir unbekannten Land bin- und bezahle 49% von meinem Brutto-Gehalt bei Normaldienst und 51% bei Bereitschaftdienst als Steuer. Ausser des einzigen Problems, dass ich nichts von meinem Oberarzt lernen kann, kann ich über Arbeit in Deutschland gar nicht klagen. Das Hauptproblem hier in Deutschland ist das Problem mit dem "alten Denkstil" des Oberarztes.
petrulus am Mittwoch, 30. November 2011, 20:45
Brutto ~ Netto
Lieber hotte: Aerzte wuerden zwar Traenen vergieszen angesichts des "niedrigen" Einkommens von deutschen Rechtsanwaelten, US-amerikanische Rechtsanwaelte jedoch regelrecht dehydrieren vor lauter Weinkraempfen. Aus persoenlicher Erfahrung weisz ich, dasz viele US-Rechtsanwaelte mindestens $200 pro Stunde berechnen, manche gar im vierstelligen Bereich. Sollten Sie Rechtsanwalt in der BRD sein und viel Geld verdienen wollen, dann ist Weinen angebracht.
Lieber Thelber: Die Klagequote ist abhaengig von Bundesstaat und Fachrichtung. Minnesota Internisten werden sehr, sehr selten verklagt. Die angegebene Salaere beinhalten Krankenversicherung und alle wichtigen Haftpflichtpolicen, Kantinenessen, Parkgaragegebuehren und anderen Schnickschnack; auszer Steuern, Benzingeld fuers Pendeln und privater Rentenversicherung muessen meine Kollegen mit keinen weiteren Abzuegen rechnen.
Liebe liselotte: Geld ist zwar nicht wichtig, aber ich verstehe sehr gut, dasz es schoener ist als Arzt zu arbeiten und dafuer auch gut honoriert zu werden. Ich gratuliere zur Stelle in Luxemburg; das klingt spannend.
hotte am Mittwoch, 30. November 2011, 10:57
Jammern auf hohem Niveau
....was würden Ihren amerikansichen Kollegen erst die Tränen kullern, wenn Sie erführen, dass die Einstiegsgehälter der Junganwälte bei 2.500,--. EUR brutto liegen ????
Thelber am Dienstag, 29. November 2011, 23:59
Dass wir in USA so viel besser stehen ...
... das ist schon erstaunlich.
wie ist es dort mit den Haftpflichtpolicen ? Schließlich ist das eine ja das Einkommen, das um derartige "Zwangskosten" ja gesenkt wird - nicht nur die Sozialabgaben.
liselotte am Dienstag, 29. November 2011, 22:20
Arzte sind Sklaven in Deutschland
Nach 15 jahren Tirannie und Ausbeutung habe ich Deutschland den Rücken zugekehrt.
Ich arbeite jetzt in Luxemburg als FA HNO und verdiene sehr gut und bin sehr zufrieden mit der Politik des Landes





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