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Dr. werden ist nicht schwer... – 24.11.2011

Das nächste Krankenhaus fällt durch

Als ich mich bei meinem aktuellen Arbeitgeber vorstellte, hieß es, dass man einen relativ unerfahrenen Kollegen in einem frühen Stadium der Facharztausbildung suche, weil dies in die Teamstruktur passe. Insgesamt hatte ich den Eindruck, den man mir wohl auch vermitteln wollte: Meine Ausbildung steht im Vordergrund.

Nach kurzzeitig sehr gutem Start fällt die Bilanz jedoch eher ernüchternd aus. Durchschnittlich komme ich nämlich nur noch auf knapp mehr als einen Anfängereingriff pro Woche. Selbst wenn ich für etwas vorgesehen bin, wird manchmal kurz vorher ein erfahrenerer Kollege eingesetzt, weil man ja zeitlich schlecht dran sei.

Meine Assistenzen bei großen Eingriffen lassen sich an einer Hand abzählen. Das meiste an Arbeitsstruktur musste ich mir mühsam selbst erarbeiten und die Hilfestellungen hierbei bestanden meist aus (nicht selten unfairer) Kritik, falls es mal nicht lief. Den Chef muss ich hiervon ausnehmen, da von ihm stets konstruktive Rückmeldungen kamen.

Hier bewahrheitet sich jedoch, was der Akademieleiter eines großen privaten Klinikträgers in seinen Vorträgen zu sagen pflegt(e): Ausbildung ist Oberarztsache! Und fühlen diese– wie derzeit leider der Fall – sich nicht berufen, oder haben zudem noch eine antiquierte Auffassung von Hierarchie, taugt in meinen Augen – salopp gesagt – der ganze Laden nichts.

Nun mag so mancher unken, der es sich gedacht haben will. Dieser Triumph sei ihm gegönnt. Aber für mich ist der Abschied bereits beschlossene Sache. Bei der aktuellen Nachfrage muss ich nicht um jeden Preis an irgendeiner Stelle hängen. Was bisher gut lief, wird auch weiterhin gut laufen und die Missstände werden auch ohne mich Bestand haben. Ich jedenfalls schaue mich mal stillschweigend um.

Wird sicher noch ein Haus finden, das als Investition in die Zukunft ausbilden will,

Euer Anton Pulmonalis


Leserkommentare

Thelber am Dienstag, 29. November 2011, 23:18
Vor 30 jahren hatte ich es - zumindest ich persönlich - ...
deutlich besser als Sie.

Ich wurde liebevoll von einer "Altassistentin"-Kollegin angeleitet, die mit mir zusammen eine Station betreute. Meine Oberärzte waren allesamt Spitze, einer der Chefärzte weniger und des nachts gelegentlich am Telefon lallend - um nicht zu sagen völlig betrunken. Der Oberarzt hat uns dann "hinter vorgehaltener Hand" gesagt, wenn er nicht adäquat reagiere, dann mögen wir uns nicht scheuen, ihn anzurufen. Auch wenn er selbst keinen Dienst habe ....
Loewenherz am Samstag, 26. November 2011, 21:42
re: Krankenhaus fällt durch...
an dieser Stelle eine kleine Anekdote, die sich vor einigen Monaten in einem Haus der Maximalversorgung, das vielleicht in einer Großstadt im Süden steht, zugetragen hat: Genau der Weiterbildungsablauf den Anton hier schildert, immer alles schnell schnell und keine Zeit für die Assistenten.
Als dann eines Tages eine Stelle für einen "jung"-Oberarzt frei wird, greift man auf einen externen Bewerber zurück, den man mit folgender Begründung einstellte:
In seinen 4 Jahren Facharztweiterbildung in Australien und Neuseeland habe der Kollege so viel operieren und damit Erfahrung sammeln können, dass er den Kollegen aus dem Haus offensichtlich - was Kenntnisse und Fertigkeiten anginge - überlegen sei.

Und nein, auf die Paradoxie der Situation hingewiesen haben weder die oberärztlichen Kollegen noch der Chefarzt Einsicht gezeigt.
Einschlag gehört, Deutschland?
- Ich glaube nicht.
derfremdlinge am Samstag, 26. November 2011, 11:23
In anderen Klinken kocht man auch nur mit Wasser
Lieber Herr Pulonalis,

Bleiben Sie, wo Sie sind! Denn in anderen Klinken ist nicht "signifikant" besser! Teamstruktur heißt nichts anders als "Kooperation der rationalen Egoisten".
Andreas Skrziepietz am Freitag, 25. November 2011, 16:20
weil man ja zeitlich schlecht dran sei.
ist ja wie früher im PJ: Im prinzip ja, aber jetzt geht es gerade nicht, weil es schnell gehen muß :-)

Ob es in anderen kliniken besser ist, möchte ich in frage stellen.

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