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Vom Arztdasein in Amerika – 11.11.2011

Der Kampf in der Wissenschaft

Teil der internistischen Ausbildung in USA ist ein Kennenlernen der Wissenschaft. Hierzu gehört neben dem Verfassen eines wissenschaftlichen Artikels auch das Halten eines wissenschaftlichen Vortrages und die Präsentation eines wissenschaftlichen Plakates („scientific poster“). Letzteres habe ich vor kurzem im Rahmen einer Arztkonferenz absolviert.

Neben einer Reihe von Vorträgen war Teil dieser ACP-Konferenz (ACP steht für „Amerikanische Organisation für Ärzte“) ein wissenschaftlicher Plakatwettbewerb, bei dem Assistenzärzte ihre wissenschaftliche Forschungsarbeiten und interessante Patientenfallberichte vorstellen konnten. Alle Assistenzärzte im dritten Ausbildungsjahr meines Lehrkrankenhauses nahmen hieran Teil, und jeder stellte mindestens einen Fallbericht vor.

Wir hatten vor knapp zwei Monaten eine Zusammenfassung („Abstract“) bei der ACP-Konferenzleitung eingereicht, davor und danach den Fall gemeinsam mit einem Oberarzt recherchiert, eine Literaturrecherche durchgeführt und  dann ein knapp 1,5m x 0,75m großes Plakat mit den wichtigsten Patientendetails, Diagrammen, Abbildungen und wissenschaftlichem Hintergrund angefertigt.

Die Fallbeispiele umfassten Themen wie Corndog-induzierter Pankreatitis, Serratia marcescens-Erysipel bis hin zu neutropenischem Fieber als Erstmanifestation eines systemischen Lupus. Ich präsentierte ein Thema zu fokaler Komplementdefizienz.

Mit unseren grafisch und inhaltlich aufwendig hergestellten Plakaten zogen wir in den Wettkampf: Es gab mehr als 100 Plakate und alle großen Lehrkrankenhäusern des Bundesstaates Minnesota, also HCMC, Abbott Northwestern Hospital, Regions Krankenhaus, University of Minnesota und die Mayo Clinic waren vertreten. Wie die meisten Leser wissen, genießt die Mayo Clinic weltweit einen wissenschaftlich exquisiten Ruf.

Die Plakate wurden in Kleingruppen diversen wissenschaftlichen Schiedsrichtern vorgestellt und dann gegenseitig bewertet. Dabei fiel mir bei den überdurchschnittlich vielen Mayo-Clinic-Teilnehmern einiges auf: Sie gaben sich gegenseitig überproportional häufig sehr gute Noten, den Nicht-Mayo-Teilnehmern hingegen häufiger schlechte, hatten technologisch herausragend gut gestaltete Plakate, eine in sich konzise Präsentation, ihre Plakate trugen viele Ko-Autoren im Titel (damit die Ko-Autoren mehr Veröffentlichungen auf ihren Lebenslauf auflisten können? Bessere wissenschaftliche Vernetzung?) und viele der präsentierenden Assistenzärzte waren noch im ersten Jahr ihrer Ausbildung, während die anderen Krankenhäusern oft ihre älteren Semester ins Rennen schickten. Kurzum: Die Mayo-Clinic-Teilnehmer traten mit geballter Quantität, aber auch Qualität auf und hielten stark zueinander.

Ich scheiterte in der Vorrunde, Teil einer Gruppe mit zwei Mayo-Teilnehmern. Einer von ihnen kam weiter. Sein Thema und Plakat schien nicht unbedingt besser gewesen zu sein, aber er erhielt viele Punkte von seinem Mayo-Kollegen.

Am Ende des Wettbewerbes gewannen dann in drei der vier Kategorien Assistenzärzte der Mayo Clinic, was im Rückblick nicht sehr überraschend war. Sie fliegen somit zum nationalen Wettbewerb nächstes Jahr nach New Orleans, die Kosten werden von der ACP und damit von uns Mitgliedern bezahlt.

In der Rückschau wurde mir bewusst, dass diese geballte Mayo-Macht mich nicht hätte überraschen sollen: Die Futtertröge der Wissenschaft und Gesundheitspolitik sind sehr lukrativ, nicht nur finanziell, sondern auch machttechnisch.

Wer sie einmal genossen hat – in den USA sind das vor allem Krankenhauseinrichtungen wie Massachusetts General Hospital (Teil von Harvard), Mayo Clinic, Johns Hopkins oder Cleveland Clinic – der kann nicht anders als weiterhin davon naschen und sich danach sehnen.

Diese Einrichtungen veröffentlichen jährlich hohe Mengen an wissenschaftlichem Material nicht nur weil sie gut sind, sondern weil sie den Zwang hierzu haben, um gut zu bleiben und vor allem prominent zu bleiben. Sonst gefährden sie sich den Zugang zum Futtertrog der Wissenschaftsindustrie.

Selbst bei einem kleinen wissenschaftlichen Plakatwettbewerb unter Assistenzärzten spürt man schon diesen rauhen Wissenschaftswind und Kampf um die besten Plätze. Für mich schade, denn ich hätte gerne gewonnen und wäre gerne nach New Orleans geflogen, um ebenfalls ein wenig vom Futtertrog zu naschen.

               


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