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Dr. werden ist nicht schwer... – 03.11.2011

Bloß nicht werden wie die Kollegen

Liebe Leser, 

ich weiß, dass es viel zu oft Beiträge meinerseits gibt, in denen von Missständen die Rede ist. In denen ich mir Luft mache. In denen ich mich – wie man so unschön sagt – ausweine bis auskotze. Auch ich würde lieber über glückliche Patienten, angemessene Bezahlung und kollegiale Kollegen berichten. Mit dieser kleinen Einleitung wollte ich darauf vorbereiten, dass es auch diesmal wieder so ist.

Ein Studienkollege sagte einmal rund um sein Examen, dass die Breite und vielleicht sogar der Umfang des medizinischen Wissens rund um die Prüfung den Höhepunkt erreicht haben wird. Während letzteres hoffentlich nicht stimmt, habe ich den Eindruck, dass sich ersteres zwangsläufig aus der Einbahnstrasse zum Fachidioten ergibt.

Anscheinend führt dieser bei einigen Kollegen durch einen Tunnel, denn die Blickrichtung nimmt eben eine hierfür typische Perspektive ein. Mich nervt es geradezu an, wie arrogant dabei vorgegangen wird. Beinahe jede Morgenbesprechung wird dazu genutzt, einen Seitenhieb in Abwesenheit über fachliches Fehlverhalten von Kollegen oder Pflegepersonal zwecks Belustigung in die Runde zu verteilen.

Diese vermeintlichen Fehler werden intern angesprochen; also nur unter uns. Damit fehlt eine Rückmeldung und die betroffene Kraft kann es gar nicht besser machen, was wiederum ermöglicht, weiterhin Schwester X als dumm oder den niedergelassenen Kollegen Y als ahnungslos zu bezeichnen.

Nun mag ein Argument sein, dass man beispielsweise der Pflege dies und jenes schon hundert Mal gesagt und es nichts genützt habe. Was jedoch das Belächeln in Abwesenheit bewirken soll, erklärt sich dadurch nicht.

Es könnte sein, dass dieses Verhalten in meinem jetzigen Team besonders ausgeprägt ist. Dennoch habe ich es bisher in vielen Kliniken beobachtet. Dass man selbst beispielsweise bei jedem EKG zum Befunden oder bei jeder Medikamentenverordnung für Kinder kollegiale Hilfe in Anspruch nehmen muss, weil man einfach nicht alles wissen kann, legen die lachenden Kollegen hierbei nicht in die Waagschale.

Mag manchmal einfach nicht mitlachen,

Euer Anton Pulmonalis


Leserkommentare

Andreas Skrziepietz am Freitag, 4. November 2011, 10:22
die lachenden Kollegen
haben eine ausgeprägte persönlichkeitsstörung. das ist folge des medizinstudiums und der facharztweiterbildung, weil das bißchen selbstvertrauen, das man vielleicht noch hat, dort systematisch zerstört wird. da möchte man natürlich ein wenig kompensieren. irgendwie verständlich...
popert am Donnerstag, 3. November 2011, 20:58
Höhepunkt des Wissens
Lieber Anton Pulmonalis
Hab ich auch mal gedacht - vor 25 Jahren nach meinem Examen. Tatsächlich habe ich inzwischen vieles vergessen, weil nie mehr gebraucht. Aber ob und wie viel Neues man dazu lernt, hängt von einem selbst ab.
In meiner allgemeinmedizinischen Praxis kann ich mit meinem Examenswissen maximal 20-30% meiner täglichen Anforderungen bewerkstelligen. Das liegt weniger daran, dass das Examenswissen inzwischen veraltet wäre - vielmehr kommen einfach viele andere Bereiche hinzu.
Das gilt auch für das Fehlermanagement: wer sich daran berauscht, dass er die Fehler von anderen erkennt, vergibt die Chance, den Ursachen der Fehler nachzugehen und das System zu verbessern.
Merken Sie sich gut, dass und was Sie verbessern wollen - bald werden Sie derjenige sein, der die Verantwortung trägt und das Vorbild sein soll.
Und das heisst: immer offen sein für die Chancen auf Verbesserungen und neues Wissen.

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