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Gesundheit – 27.10.2011

Sieg der Hormone: Warum Diäten auf Dauer erfolglos sind

Nichts regt den Appetit so sehr an wie eine erfolgreiche Diät. Dies ist nicht nur in den Phase der Gewichtsabnahme so, die viele Adipöse noch tapfer durchstehen. Aber auch danach quält sie der Hunger, und der Wunsch, sich endlich wieder satt zu essen, nimmt mit der Zeit sogar noch zu.

Die Aussicht auf eine lebenslange Qual führt über kurz oder lang zur Kapitulation. Eine Studie der Universität Melbourne lässt vermuten, dass der „innere Schweinehund“ über mächtige Waffen verfügt: Hormone.

Fünfzig Adipöse im Alter von Mitte 50, die durchschnittlich etwa 100 kg auf die Waage brachten, wurden für 10 Wochen einer Restriktionsdiät unterworfen. Am Ende wogen sie fast 14 kg weniger. Doch ihr Hormonsystem rebellierte. Die ausführlichen Hormonuntersuchungen von Priya Sumithran von der Universität Melbourne zeigen, dass die Motivation der Studienteilnehmer durch einen mehrfachen Angriff der Hunger- und Sättigungshormone auf die Probe gestellt wurde.

Da ist zunächst einmal Leptin. Das Hormon wird in den Fettzellen gebildet. Es informiert den Hypothalamus ständig über die Energievorräte. Nach der Restriktionsdiät waren die Leptinblutspiegel um zwei Drittel gefallen. Sinkende Leptinspiegel haben nicht nur einen Anstieg des Appetits zur Folge. Auch der Energiestoffwechsel wird gedrosselt. Die Evolution hat dem menschlichen Gehirn beigebracht, in mageren Jahren den Verbrauch zu drosseln. Nur, dass es die mageren Jahre heute nicht mehr gibt.

Nicht nur die Fettzellen melden einen Notstand. Auch der Darm teilt dem Gehirn mit, dass der Nachschub ausbleibt. Zu den zahlreichen gastrointestinalen Hormonen, die die Nahrungsaufnahme beeinflussen, gehört Ghrelin, das das Hungergefühl steigert, und das „gastric inhibitory polypeptide“, das die Bildung von Energiereserven anregt.

Sumithran hat die Probanden, die bei der Stange blieben, über einen Zeitraum von einem Jahr immer wieder untersucht. Sein Fazit: Die Neigung des Hormonsystems, das neu eingestellte Körpergewicht zu akzeptieren, ist gering. Nach einem Jahr waren die Leptinspiegel noch immer vermindert und die Ghrelinspiegel erhöht.

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Auch eine Reihe anderer gastrointestinaler Hormone wie Peptide YY, Amylin und Cholecystokinin hatten die Werte aus der Zeit vor der Diät noch nicht wieder erreicht. Da das Hungergefühl und der Wunsch zu Essen sogar noch höher waren als am Ende der intensiven Restriktionsdiät, ist zu befürchten, dass für die Betroffenen ein Ende des Leidenswegs noch nicht abzusehen ist.

Die große Zahl der beteiligten Hormone bietet zwar zahlreiche Ansätze für neue Therapien. Sie eröffnet dem Körper aber auch die Möglichkeit den Ausfall einer Signalkette zu umgehen. Dies musste die Forschung nach der Entdeckung von Leptin erfahren. Die eigentlich naheliegende Substitution des Hormons war nicht in der Lage den Hunger zu stillen.


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