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Gesundheit – 10.10.2011

Optimismus als Fehlfunktion des Frontalhirns

Manche Menschen betrachten das Leben durch eine rosarote Brille. Das Glas ist stets halb voll und niemals halb leer. Die eigene Mannschaft steigt auf, auch wenn sie in der Tabelle unten steht. Der nächste Lottogewinn kommt gewiss irgendwann, auch wenn jede Wahrscheinlichkeitsrechnung dagegen spricht. 80 Prozent aller Menschen gehören laut Tali Sharot von University College London mehr oder weniger zu diesen hoffnungslosen Optimisten. Wie wenig sie geneigt sind, die Realitäten anzuerkennen, zeigt ein Experimente der Hirnforscherin.

Neunzehn Probanden sollten ihr Lebenszeitrisiko für negative Ereignisse abschätzen. Wie hoch ist die Gefahr, dass ihr Auto gestohlen wird, mit welcher Wahrscheinlichkeit werden sie am Morbus Parkinson erkranken. So lauteten 2 von 80 Fragen. Bei den Antworten lagen die Teilnehmer in der Röhre eines Kernspintomographen. Das Gerät zeigte erwartungsgemäß an, dass die Probanden vor allem die präfrontalen Hirnregionen, der Sitz exekutiver Funktionen (zu deutsch des Verstands) aktivierten, um die Antworten zu geben.

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Optimisten unterschätzten die Gefahren. Sie taten dies auch während einer zweiten Sitzung, obwohl ihnen vorher die wahren Lebsensrisiken genannt wurden. Optimisten neigen dabei zum selektiven Uprade der Risikoabschätzung.

Wenn sie das Risiko vorher überschätzt hatten, nahmen sie die Realität gerne an. Hatten sie die Gefahr dagegen unterschätzt, waren sie nur bereit, sich in ihrer Selbsteinschätzung ein kleines Stück in Richtung der tatsächlichen Risiken zu bewegen. Das Lebenszeitrisiko, an Krebs zu sterben liegt bei 30 Prozent. Die Pessimisten, die ihr Risiko zunächst auf 50 Prozent geschätzt hatten, nannten jetzt vielleicht 32 Prozent.

Die Optimisten, die zuerst 10 Prozent genannt hatten, räumten jetzt ein, dass das Risiko für sie persönlich vielleicht 12 Prozent betrage, aber keineswegs mehr. Die kernspintomographischen Aufnahmen zeigen, dass die Optimisten die ganze Kraft ihres präfrontalen Cortex benutzten, um die Realität zu verdrehen. Pessimisten zeigten hier deutlich weniger Aktivitäten.

Optimismus, so die Forscherin, ist eine aktive Leistung des Gehirns. Vielleicht ist die rosarote Brille ja in der Evolution angelegt. Ein überzogener Optimismus, so störend er manchmal für die Mitmenschen wirkt, habe auch seine guten Seiten, meint Sharot. Er lindere Stress und nehme in brenzligen Situationen die Angst. Ohne ihn wäre Amerika möglicherweise erst später entdeckt worden.

Ohne die Selbstüberschätzung einiger Banker hätte es aber auch die Finanzkrise des Jahres 2008 nicht gegeben. Die Investitionskosten für einen Kernspintomographen samt Personal hätten sich für die Barings Bank, die Société Générale und zuletzt für die Schweizer UBS sicherlich gelohnt. Bei Einstellungsuntersuchungen von Tradern von unschätzbarem Wert.


Leserkommentare

ÄrzteblattBenutzername am Dienstag, 11. Oktober 2011, 12:46
Die Finanzkrise ist ein Staatsprodukt
und durch die Niedrigzinspolitik der Fed verursacht. Die Zurückführung auf Banker mag beliebten Feindbildern entsprechen, ist aber bei näherer Beschäftigung mit dem Thema wohl auch nur mit erhöhter Aktivität im präfrontalen Cortex aufrechtzuerhalten.

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