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Vom Arztdasein in Amerika – 07.10.2011

Nanu, wo sind denn die Ärzte hin?

Als Assistenzarzt komme ich sehr viel in Kontakt mit anderen Assistenzärzten und Medizinstudenten. Es gibt einen deutlichen USA-Europa Kontrast: Während man in den bundesdeutschen Hörsälen und Krankenhäusern viel von einer Abwanderung ins Ausland spricht, auch in Frankreich öfters davon hört, ist dieses Thema der ärztlichen Abwanderung in USA beinahe unbekannt. In den 2,5 Jahren am hiesigen Krankenhaus kann ich mich nur an zwei Gespräche mit  Studenten erinnern, die ein – sehr geringes – Interesse an Arbeitsmöglichkeiten in Europa zeigten.

Die Statistiken der Bundesärztekammer sprechen eine klare Sprache: Bezogen auf die Zuwachszahl der Ärzteschaft im Jahr 2010, ist je zwei Ärzte, um die die Ärzteschaft anwuchs, einer ins  Ausland gegangen (Siehe http://www.bundesärztekammer.de/page.asp?his=0.3.9237.9246): Die ärztlich tätige Ärzteschaft wuchs  um 7.654 Ärzte im Jahr 2010 an; dem stehen 3.241 Ärzte gegenüber, die ins Ausland abgewandert sind.

Von diesen 3.241 Ärzten waren übrigens 68,7 % deutsche Staatsangehörige; was bedeutet, dass überproportional viele ausländische Ärzte im Verhältnis zu ihrem Gesamtanteil an der Ärzteschaft der BRD den Rücken kehrten.

Was sagen all diese Zahlen denn nun aus?

Vieles. Man kann eine mangelnde Attraktivität des ärztlichen Berufes in bundesdeutschen Krankenhäusern und Praxen als ursächlich erwägen und mutmaßen, dass das Ausland attraktiver sei. Man kann postulieren, dass für Menschen, die Deutschland vor allem als Arbeitsort ausgesucht  haben, ultimativ andere Länder attraktiver sind und sie deshalb sich bemühen, Deutschland nur als Zwischenstopp anzusehen und in ein arbeitstechnisch attraktiveres Land oder gen Heimat migrieren und dass damit ausländische Ärzte nicht unbedingt die  Lücken langfristig schließen können, die immer eklatanter im deutschen System werden. Man kann postulieren, dass wir mit unserem deutschen Ausbildungssystem ausländische Gesundheitssysteme quersubventionieren und z.B. Studiengebühren einführen sollten.

Man kann aber auch als Politiker einfach nur davon sprechen, dass die Arztzahlen im Jahr 2010 erneut angestiegen seien und dass man nicht verstehe, wieso es einen Arztmangel gebe. Was hört man wohl öfters in den Medien?

Mit viel Neugierde werde ich verfolgen, wie sich die Lage weiter entwickeln wird. Eines weiß ich aber mit Sicherheit: In naher Zukunft werde ich weiterhin nicht von US-amerikanischen Medizinstudenten die Frage hören, wie man ärztlich in Deutschland tätig werden kann. Während ich umgekehrt weiterhin mindestens einmal im Monat, manchmal gar mehrmals die Woche, die Frage von deutschen Kollegen gestellt bekommen werde, wie man in die USA als Arzt gelangen könne.


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