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Gesundheit – 23.09.2011

Tödliche Bettwanzen-Panik

Wanzen sind sicherlich unwillkommene Bettgenossen, auch wenn ihre Stiche nicht gefährlicher sind als die von Läusen und anderen lästigen Insekten. Dass Cimex lectularius Krankheiten überträgt, ist, wenigstens in den Industrieländern unbewiesen. Dennoch überfällt viele Menschen eine regelrechte Panik, wenn sie auf der Haut eine ungewöhnliche Aneinanderreihung von Mückenstichen bemerken, ohne dass ein Insekt weit und breit zu sehen ist.

Dann beginnt häufig ein Overkill, dessen Konsequenzen in Morbidity and Mortality Weekly Report am Beispiel einer 65-Jährigen beschrieben wird, der man angesichts von Niereninsuffizienz, Herzinfarkt und zwei Koronarstents in der Vorgeschichte sowie der üblichen chronischen Erkrankungen (Diabetes, Hyperlipidämie, Hypertonie und Depression) eine etwas ruhigere Reaktion gewünscht hätte.

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Doch der Ehemann leitete ohne lange nachzudenken einen Vernichtungsfeldzug ein. Alle Wände, das Innere der Fußleisten und der Bereich um das Bett wurden mit „Ortho Home Defense Max“ (Wirkstoff: Bifenthrin) gewaschen. Auf Bett und Matratzen kam „Ortho Lawn and Garden Insect Killer“ (Bifenthrin) zum Einsatz, auch wenn beide Produkte eigentlich nicht für die Bekämpfung von Wanzen zugelassen sind.

Neun Dosen „Hot Shot Fogger“ (Tetramethrin und Cypermethrin) wurden im Haus versprüht, das das Paar nur für 3 bis 4 Stunden verließ. Nach 2 Tagen wurde das Manöver wiederholt. Doch die Ehefrau wähnte die Wanzen weiter auf ihrer Haut.

Sie rieb sich mit einem Schwamm ein, den sie mit „Hot Shot Bed Bug and Flea Killer“ (Pyrethrin und Piperonylbutoxid) getränkt hatte. Das Insektizid musste außerdem als Shampoo herhalten, und um die Wirkung zu steigern, trug die Frau über Nacht eine Plastiktüte über dem Haupthaar. Zwei Tage später fand ihr Mann sie bewusstlos in der Wohnung. Nach neuntägiger Beatmung starb sie in der Klinik an einer Pestizidvergiftung.

Sicherlich ein Extremfall, aber kein Einzelfall. Die Studie von James Jacobson und Mitarbeitern der Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta dokumentiert insgesamt 111 akute Erkrankungen im Krieg gegen die Bettwanzen. Davon wurden allein 64 aus New York City gemeldet, wo sich Bettwanzen, auch aufgrund einer zunehmenden Resistenz gegen Pestizide, besonders stark ausgebreitet haben.

Dabei sind Bettwanzen nicht unbesiegbar: Zu den Maßnahmen eines „integrated pest management“, das die Umweltbehörde EPA empfiehlt, gehören neben dem Reinigen von Betten und Matrazen und dem Entsorgen auch eine Hitzebehandlung.

Bettwanzen sind sehr temperatur-empfindlich: Eine Raumtemperatur von über 48° C überleben sie nicht länger als 1 Stunde (ebenso wenig eine Abkühlung auf unter minus 16°C, die aber schwerer zu realisieren ist). Wer sicher gehen will, wendet sich am besten an einen professionellen Schädlingsbekämpfer.


Leserkommentare

promisit am Montag, 26. September 2011, 08:43
Immer wieder
Immer wieder kann man feststellen, dass auf Schädlinge irrational reagiert wird.
Besonders dann, wenn sie an Stellen auftauchen, wo sie nicht erwartet wurden.
Schädlinge und Lästlinge haben ein hervorragendes Konzept. Sie nutzen jede Lücke, die sich ihnen bietet, teilweise seit Jahrtausenden mit grossem Erfolg trotz sich wandelnder Welt. Immer den Fachmann fragen!
Thelber am Sonntag, 25. September 2011, 12:34
Tja, da hätten die beiden doch besser einen Profi gefragt ....
als sich aus den Drogeriemarktketten Gift in Unmengen zu besorgen.

Wobei auch hierzulande manche Mütter dazu neigen, ihre Kinder mit Pestiziden zu traktieren, anstelle sie lausender Weise mit Geduld und Akribie von dein lieben Kopfläusen zu befreien ....

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