275/296

Vom Arztdasein in Amerika – 29.09.2011

Die deutsche Zweiklassenmedizin ist ehrlicher

Die moderne US-Medizin, glaubt man vielen US-Gesundheitspolitikern und Ärzten, ist in der aktuellen Form nicht mehr zu finanzieren. Dafür ist sie zu technologisch, zu interventionsfreudig, zu risikominimierend, zu aggressiv; das sind einige der vielen Einwände, die man allenthalben hört. Es stimmt: Frauen erhalten in meiner Praxis jährlich einen von mir oder meinen Kollegen durchgeführten Papabstrich, erhalten  im Alter von 40 bis 75 jährlich eine Mammographie, mindestens pro Jahr Koloskopien und natürlich diverse Bluttests. Bei Männern gibt es immerhin das jährliche PSA-Testen und ebenfalls die Koloskopien.

Wer ein Statin einnimmt, kriegt seine Leberwerte halbjährlich gemessen, wer ein ACE-Hemmer bekommt, mindestens dreimonatlich Kreatinin und Kalium überprüft oder wer ein Diuretikum in höheren Dosen einnimmt, mindestens sechswöchentlich Elektrolytüberprüfungen – selbst wenn völlig asymptomatisch.

Nun wird seit neuestem überlegt, Routine-Thorax-CTs für Raucher bei uns einzuführen, weil es einen Mortalitätsvorteil bei der Prävention von Lungenkrebs gibt, wie wir spätestens seit der Veröffentlichung eines NEJM-Artikels wissen (National Lung Screening Trial Research Team: “Reduced lung-cancer mortality with low-dose computed tomographic screening”. NEJM 2011; 365 (4): 395-409.)

Man glaube mir: Stationär ist die finanzielle Freizügigkeit nochmals vervielfacht und der Aufwand ist manchmal überwältigend.

Das scheint wirklich nicht mehr finanzierbar, insbesondere wenn man jene in USA große Gruppe an Menschen betrachtet, die sich eine Krankenversicherung nicht in dem Maße leisten können und damit quersubventioniert werden müssen. Wie es eben der demokratische Präsident Obama plant.

Da ist unser deutsches System ehrlicher: Wer sich nicht eine Privatversorgung  leisten kann oder leisten will, ist gesetzlich (zwangs-)versichert. Das bedeutet eine gute bis sehr gute Basisversorgung: Zumeist Assistenzarztbehandlung, Vierbettzimmer, längeres Warten auf ambulante fachärztliche Termine, etwas spärlicher ausgestattete Mahlzeiten im Krankenhaus, einfachere Rehamaßnahmen und -einrichtungen, Verschreibung von Generika, gelegentlichem Einsatz von Steroiden statt teurer Immunmodulatormedikamente usw.

Es sind nur kleine Unterschiede, aber ehrliche: Wer eben nicht extra bezahlt oder extra bezahlen will, muss dafür Einbußen hinnehmen. Dadurch kann sich das System etwas besser – aber nicht perfekt, wie wir wissen – finanzieren und auch die weniger Betuchten, die eben nicht vollständig für ihre Gesundheit zahlen können querfinanzieren.

Der große Haken in Deutschland ist jedoch, dass sich die Politiker nicht trauen, das System beim Namen zu nennen: Eine Zweiklassenmedizin.


Bookmark-Service:
275/296
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs