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Vom Arztdasein in Amerika – 28.09.2011

Der stationäre Notfall

Einer der vielen Notfallgurus hat vor kurzem im New England Journal of Medicine einen Artikel zum Thema der von mir als „stationären Notinter­ventions­truppe“ (StaNIT) titulierten „Rapid-Response Team“ verfasst. Siehe Jones DA et al “Rapid Response Teams” (NEJM 2011: 365; 139-146). Die meisten US-Krankenhäuser haben diese StaNITs implementiert, und viele Arztkollegen können sich nicht ein Krankenhaus ohne sie vorstellen. Doch was genau sind sie und was machen sie?

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Ihre Aufgabe ist letztlich die Vorbeugung des absoluten Notfalles in einem Krankenhaus, nämlich der Reanimationspflichtigkeiten, dem, was in unserem Krankenhaus als „Code Blue“ (siehe “Doktor Blau”: Die Reanimation in USA) bezeichnet wird.

Es sind kleine mobile Pflege- oder Arztmannschaften, die auf die jeweiligen Stationen gerufen werden, weil sich der Zustand eines Patienten verschlechtert hat. Im Prinzip ein Hilferuf der Krankenschwester oder einer anderen besorgten Person; da es in USA nicht den klassischen im Stationszimmer sitzenden Stationsarzt gibt sondern mobil visitierende Ärzte manchmal die Station für Stunden verlassen, ein Zur-Verfügung-Stellen von Ressourcen für die Krankenschwester, die sich einem medizinischen Notfall, aber eben nicht Reanimationsnotfall ausgesetzt sieht.

Wie sieht das nun in meinem Krankenhaus aus? Es beginnt  damit, dass jemand, meistens die Krankenschwester, aber auch ein Patientenangehöriger, die Pflegehilfs- oder Putzkraft, eine potenziell gefährliche medizinische Situation erkennt.

Konkret werden in unserem Krankenhaus dafür eine Reihe von Symptomen und Veränderungen  genannt wie  z.B. akute Brustschmerzen, Hypoxie trotz hoher Sauerstoffzufuhr, neurologische Veränderung, massive Vitalparameterveränderung oder einfach nur „große Sorge“ um den Patienten.

Dann wird der krankenhausinterne Notdienst angerufen, und es erschallt z.B. ein „Rapid Response in room 4165“ via Lautsprecher durchs Krankenhaus. Die Krankenschwester und der Atemtherapeut, die die StaNIT ausmachen und von denen es stets drei  je Schicht gibt, rennen dann zum Patientenzimmer und evaluieren  den Patienten.

Sie haben eingeschränkte Verschreibungs- und Diagnostikprivilegien und können somit  EKGs, Röntgenthoraces, Troponine usw. anordnen und manche Medikamente wie z.B. Lorazepam oder Furosemid geben.

Wenn sie Hilfe brauchen, piepsen sie einen Internisten, der eigens dafür zuständig ist, an. Einmal die Woche bin ich nachts der dafür zuständige Internist. Dann hilft er weiter und versucht ebenfalls, eine Reanimationspflichtigkeit zu vermeiden.

Ob das System gut ist? Es hängt natürlich  davon ab, wen man fragt. Den oben erwähnten Guru zu fragen, wäre wohl unnötig. Sein Artikel ist nicht überraschend positiv für diese StaNITs. Systemfremde Ärzte wie ich sehen das System naturgemäß kritischer. Aber es funktioniert und mittlerweile bin ich sogar mit einigen der StaNIT-Schwestern befreundet, weil wir nachts so oft miteinander sprechen. Das hat der Guru nicht bedacht: Dass man zu Freunden werden kann durch die vielen Notfälle.


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