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Vom Arztdasein in Amerika – 25.09.2011

„Doktor Blau“: Die Reanimation in USA

Es war mal wieder soweit: Ein Patient wollte sich gen Himmel verabschieden. Sie hatte zwar eine koronare Umleitung (der sogenannte koronare Bypass, siehe den Blogtext “Wer spricht denn noch deutsch?”) überstanden, war aber noch zwei Tage nach ihrer OP angesichts einiger Komplikationen weiterhin im kardiogenen Schock und entsprechend noch intubiert und mit allerlei Medikamenten therapiert.

Wie sich herausstellen sollte, war sie auch noch nicht ganz aus dem roten Bereich: Nachmittags gegen 16 Uhr wechselte ihr Herz, überwacht am Herzbildschirm, plötzlich vom Sinusrhythmus in ein gefährliches Kammerflimmern, und ihr arteriell gemessener Blutdruck rauschte in den Keller, sekündlich um geschätzte 10 Druckpunkte.

Die Krankenschwester tat, was ihr Intensivstationsprotokoll vorsah: Sie drückte den in jedem Zimmer deutlich sichtbaren “Doctor Blue” Knopf und ein “Code Blue” erschallte via Lautsprecher durch das Krankenhaus.

Die knapp Dutzend Reanimationspiepser, die ein jeder der täglich wechselnden “Code Blue” Mannschaft trug, gingen mit ohrbetäubendem Geräusch los. Meine drei Assistentenkollegen, der Anästhesist, ein Atemtherapeut, drei andere Schwestern, ein Apotheker, vier Medizinstudenten, ein intensivmedizinischer Oberarzt sowie ich rannten zum Ort des Geschehens.

Wir kamen innerhalb von knapp 30 Sekunden an, und innerhalb von fünf Sekunden begann einer der dienstjüngeren Ärzte die Herzmassage, angeleitet vom Reanimationsleiter. Wir hatten nicht umsonst dieses Verfahren Dutzende Male an sehr teuren und interaktiven Reanimationssimulatorenpuppen monatlich geübt, geübt ad nauseam. Dem vorausgegangen war die Pulskontrolle von zwei anderen Mitgliedern der Reanimationsmannschaft und dem Kommando des Leiters, der dienstälter war und alles überwachte und jeden anleitete.

Der Anästhesist nahm die intubierte Frau von der Beatmungsmaschine und begann sie manuell zu beatmen. Der Reanimationsleiter ordnete rasch hintereinander an: “Adrenalin 1 mg”. „Defibrillatorenkleber befestigen“. „Defibrillieren”. “Magnesium 2 g”. Um nur die ersten der vielen Kommandos zu nennen; er schaffte es, trotz Chaos, den groben Überblick zu behalten und uns allen klare Anweisungen zu geben.

Zwei Minuten später war der Herzschlag wieder im vorherigen Sinusrhythmus, und der Blutdruck hatte sich auf 98/65 erhoeht wie der arterielle Zugang uns anzeigte. Eine gebrochene Rippe und ein wenig Blut aus der Sternotomiewunde zeugten noch von der Reanimation, aber die Patientin konnte wieder zurück zu ihrer Genesung kehren.

Wir Ärzte machten uns, nachdem wir einige Justierungen an der Beatmungsmaschine und den Medikamenten vorgenommen, diagnostische Maßnahmen angeordnet und uns mit dem Kardiologen abgesprochen, unseren Arztbrief geschrieben und Rückmeldung dem Oberarzt gegeben hatten,  wieder an unsere reguläre Arbeit. Ein ganz normaler Reanimationsablauf für uns, typisch für ein US-Krankenhaus. Durchorganisiert und eingespielt – wie so oft, beeindruckend diese US-Medizin.


Leserkommentare

gammon am Mittwoch, 28. September 2011, 08:02
D'accord
Muß mich meinem Vorredner leider anschließen. Bin seit ca. 10 Jahren Anästhesist in den USA.
Wäre schön, wenn die Kollegen wenigsten tief und schnell genug drücken würden (= Herzzeitvoumen). "Von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß..." wenn die Herydruckmassage richtig sein soll. Das mit der Koordination wäre dann oft nur zweitrangig.
Ich hab's auch schon mal erlebt, daß jemand die Massage unterbrechen wollte, um EKG Kleber aufzukleben...
promisit am Dienstag, 27. September 2011, 08:23
Erfreulich
Sauber koordinierte Abläufe in der Medizin sind selten. In diesem Fall optimal. Ist aber nicht repräsentativ für die gesamte USA.

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