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Vom Arztdasein in Amerika – 21.09.2011

Der Internist als Zentrum

Hat man einen guten Tag als Internist in USA, dann sagt man sich: „Mensch, ich bin das Zentrum des Krankenhauses. Gefühlte 90% aller Patienten werden aufgenommen von mir als Internisten, werden behandelt und entlassen von mir”. Hat man einen schlechten Tag, dann denkt man: „Schon wieder bin ich quasi Abladeinstanz der Fachrichtungen und muss die ganz Aufnahme- und Entlassarbeit auf mich nehmen: Ich muss die Medikationsliste überprüfen, den Aufnahmebrief schreiben und so weiter und so fort”.

Das System funktioniert anders in den USA: Während man als Patient in Deutschland oft vom jeweiligen Facharzt (z.B. der Orthopäde die Knochenbrüche, der Allgemeinchirurg die Hernien, der Gastroenterologe die Varizenblutungen usw.) aufgenommen wird, würde man in USA fast immer vom Allgemeininternisten aufgenommen.

Ein Beispiel: Vor kurzem rutschte eine 45-jährige Frau auf ihrer Treppe aus und brach sich den Oberarm. Sie nahm nur Simvastatin für einen erhöhten Cholesterinwert seit vielen Jahren ein, war ansonsten gesund. Dennoch wurde ich als Internist umgehend gebeten, die Patientin aufzunehmen und „medizinisch zu betreuen”.

Der Orthopäde hatte die Patientin in der Aufnahme kurz visitiert, den OP-Termin festgelegt, eine kurz Konsilnachricht in die elektronische Akte getippt und mich darin gebeten, sie „präoperativ“ abzuklären und „medizinisch zu betreuen” („pre-operative cardiovascular assessment and medical management as per internal medicine“ wie es darin hieß).

Im Prinzip bat er damit den Allgemeininternisten, sich um alles zu kümmern was jenseits der OP und der Rehamaßnahme lag. Das beinhaltete nicht nur prä- und post-operative Schmerztherapie und Entscheidungen über Blutbildveränderungen oder Herzarrhythmien, sondern eben auch die nicht so beliebte Dokumentationsarbeit wie Aufnahmeanamnese, Entlassungsbrief und Mithelfen beim Finden einer geeigneten Rehabilitationseinrichtung.

Gibt es eine Darmperforation, wer nimmt den Patienten an den meisten US-Krankenhäusern auf? Natürlich der Internist. Eine spontane Hirnblutung? Natürlich ebenfalls der Internist. Auch Herzinfarkte, Darmblutungen oder akutes Nierenversagen werden statt von der jeweiligen internistischen Fachrichtung fast immer vom Allgemeininternisten, also unter anderem mir, aufgenommen und betreut. Der Allgemeininternist fungiert als Alleskönner, bzw. als Alles-ein-wenig-Könner und Alles-machen-Müsser.

Es war eine große Umstellung für mich, das Mädchen für alles zu sein. Es erklärt aber auch, wieso in der BRD der Allgemeininternist nicht sehr häufig anzutreffen, in USA hingegen ubiquitär ist. „Wieso macht man es so?“,  fragte ich einst einen meiner Oberärzte. „“Weil es uns Allgemeininternisten Spaß macht und das die wahre Medizin ist“, hatte er lächelnd geantwortet.

Aber auch davon erzählt, dass es Kosten- und Mortalitätsvorteile habe, wenn ein Allgemeininternist Teil der Behandlungsmannschaft sei. Da ich Studien hierzu bisher noch nicht gesucht oder gesehen habe, kann ich das nur als Gerücht weitergeben. Unabhängig davon akzeptiert der Allgemeininternist in USA sein Los mit all seinen Vor- und Nachteilen.


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