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Vom Arztdasein in Amerika – 08.09.2011

Ressourcenreicher Weg einer Patientin

Heute behandelte ich eine Patientin, deren Weg auf die Intensivstation, auf der ich derzeit arbeite, mich nachdenklich stimmte. Sie sagt viel über das US-System aus, und es lohnt sich, sie schemenhaft nachzuverfolgen.

Ihr Weg begann als sie am Aufnahmetag nicht wie sonst ausgeruht, sondern mit  Brustschmerzen und Kurzatmigkeit aufwachte. Sie war multimorbid und hatte ein typisch amerikanisches, im globalisierten Sinne westliches Leben geführt: Davon zeugte ihre COPD (=OELS, siehe “Wer spricht denn noch deutsch”), ihr Hypertonus und Diabetes, sowie ihr Adipositas, um nur einige der vielen Krankheiten aus ihrer Krankenakte zu nennen.

Es war daher nicht überraschend, dass eines Tages ihre Koronargefäße sich bei solch einem Lebenswandel zu Wort melden würden. An einem etwas verregneten Morgen Ende August, nach guten 85 Lebensjahren, taten sie genau jenes und führten sie zu mir.

Doch ehe das passierte, mussten die Ressourcen dafür gefunden werden, was im ländlichen Teil Minnesotas, viele Meilen entfernt von Herzkatheterlabors, nicht so einfach schien. Doch es geschah: Nachdem sie eine halbe Stunde vergeblich auf spontane Schmerzremission gewartet hatte, rief sie um 6:45 Uhr den Notruf an und schilderte ihre Symtomatik. 6:52 Uhr traf der Krankenwagen ein (in USA fast immer ohne Notarzt), 6:53 Uhr wurde ihr eine Aspirin 325 mg zur Einnahme gegeben und 6:58 Uhr war sie in einem kleinen regionalen Krankenhaus angekommen.

7:04 Uhr infundierte der Notaufnahmearzt ihr Heparin, TKN; peroral erhielt sie Clopidogrel und einen Betablocker angesichts der klassischen ST-Hebungen im EKG und positivem Troponintest. Zehn Minuten später, zwei intraossäre Zugänge in ihren Schienbeinen und intubiert, lag sie im Hubschrauber und hob ab. Um 7:42 Uhr landete sie auf unserem 70 Meilen entfernten Krankenhausdach , um dann um 7:51 Uhr via gerade gelegten Femoraliszugang ihren Herzkatheter zu erhalten. 57 Minuten nach getätitgtem Anruf und 70 Meilen von ihrem Wohnhaus.

Erst um 9:35 Uhr sah ich sie, mittlerweile mit Aortenballonpumpe, diversen Zugängen, diversen Vasopressoren und Medikamenten. Sie war in kardiogenem Schock. Ich selber legte noch einen arteriellen Zugang, wechselte auf Dobutamin und began einen Insulin- und Furosemidtropf, neben kleineren medikamentoesen Justierungen.

Erst danach konnte sie, die Intubierte, verschnaufen, beziehungsweise so viel verschnaufen wie der von mir eingestellte Ventilator es zuließ. Sie war weit gereist mit ihrem Herzinfarkt, und es beeindruckte mich, wie viel sie in so wenig Zeit erlebt hatte.

Ihr Ehemann erzählte mir später so manches über sie, auch, dass sie eine liebe und sparsame Frau sei und sie ihm unbedingt zu erhalten sei. Letzteres wird wohl klappen, denn ihr Herz hat sich einigermaßen stabilisiert. Die sparsame Seite von ihr wird ebenfalls befriedigt sich fühlen: Denn der US-Staat zahlt die Kosten für ihre Behandlung, neben Hubschrauberflug.

Daher beeindruckte mich diese Geschichte im doppelten Sinne, einerseits, weil die Ressourcengroßzügigkeit des US-Systemes mir erneut deutlich wurde, anderseits, weil mir bewusst wurde, wie viel der US-Staat sich die Gesundheit seiner alten US-Bürger kosten lässt. Ersteres ist gut bekannt, Letzteres nicht immer.


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