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Vom Arztdasein in Amerika – 01.09.2011

Der US-Präsident besucht Minnesota

Der US-Präsident ist heute nach Minneapolis gekommen; die Straßen waren gesperrt und eine stark mit politischen Diskussionen aufgeladene Stimmung schien in der Luft zu liegen. Sie hatte uns im Krankenhaus angesteckt, und es schien naheliegend, dass meine Kollegen neben den obligatorischen Patientengeschichten auch das US-Gesundheitssystem analysierten. 

Zwei klare Hauptfronten taten sich auf: Die Individualisten, also diejenigen, die das Gesundheitssystem auf das Individuum zugeschneidert sehen wollen auf der einen Seite und die Omnisten, wie ich diejenigen tituliere, die das Gesundheitssystem auf “omnes”, also allen Menschen, ausgerichtet sehen wollen auf der anderen Seite.

Grob gesprochen sind die Omnisten die Demokraten in unserer Assistentengruppe und vertreten die Ansicht, dass das US-System in vielen Aspekten wie unser bundesdeutsches Gesundheitsmodell sein soll, d.h. der Faktor Gesundheit wird als höchstes menschliches Gut angesehen, welches nicht wie ein Gut auf einem Geldmarkt behandelt werden darf und eine Beeinträchtigung der Gesundheit daher nicht in Geldeinheiten zu denken und zu tragen sei, sondern von der Gesellschaft aufgefangen und bezahlt werden muss.

Fuer Omnisten besteht die Ansicht, dass Krankheit nicht als selbstverursacht, sondern als Werk höherer Kraefte (Gott? Unglück? Schlechte Gene? Pathologisches Umfeld?) anzusehen sei. Natürlich spielt Adipositas und Alkoholsucht eine Rolle, aber letztlich eine untergeordnete und eine Person, die Diabetes, eine Pneumonie, eine Endokarditis usf. entwickelt, kann „nichts dafür” und die Allgemeinheit muss finanziell und mit ihren Ressourcen haften für die Genesung dieser Person.

Das ist eine in Deutschland weit vertretene Ansicht und ein gewisser Dr. Obama, der wahrscheinlich just da an unserem Arztzimmer vorbeifuhr, als die Diskussion am hitzigsten war und die Omnisten besonders viel Boden gewonnen hatten, vertritt diese Ansicht in vielen seiner Gedanken und Gesetzen.

Die Individualisten, die oft als Buuhmänner verschrien sind, blieben jedoch standhaft und verbalisierten ihre Position: Es gäbe zwar bestimmte unglückliche Umstände, die einen zur Krankheit brächten und für die man besonders in jungen Jahren mangels echter Autarkie nur bedingt etwas könne und man könne unter Umständen dafür stimmen, Kinder bis zu einem gewissen Alter mit einer Allgemeinkrankenversicherung zu versorgen, aber ab einem bestimmten Alter sei jeder Mensch mündig genug, die Zügel für seine eigene Gesundheit in die Hände zu nehmen.

Gesundheit sei zwar ein besonders wertvolles, aber am Ende eben doch nur ein Marktgut. Die Individualisten meinen, dass Übergewichtige doch für ihr Gewicht verantwortlich seien und ihr Knieersatz mit 55 Lebensjahren dann auch selber von ihnen zu bezahlen sei, ja, sie sogar dafür hauptverantwortlich seien.

Wer einen Schlaganfall mit 70 Jahren erleide und davor geraucht habe und nicht regelmäßig bei Vorsorgeuntersuchungen gewesen sei, der trage sehr viel Mitschuld, oft sogar Hauptschuld, und hafte dadurch finanziell. Außerdem hätte jeder Mensch die Möglichkeit, ähnlich wie er es für seine Rente, für sein Eigenheim oder eine besonders gute Ausbildung seiner Kinder tue, von früh an für Krankheitsfaelle zu sparen.

Das Interessante an dieser Diskussion war, dass die Dienstälteren häufiger zu der Gruppe der Individualisten zu zählen waren, die Jüngeren etwas häufiger zu den Omnisten gehörten. War man einfach egoistischer, zynischer geworden im Laufe der Ausbildung? Oder gar erfahren?

Ich konnte nach fünfzehn Minuten währender Diskussion nicht mehr darüber nachdenken, weil ich auf die Intensivstation gerufen wurde. Es wurde eine Ex-Raucherin mit Herzinfarkt gerade via Hubschrauber hineingeflogen. Zeitgleich als ich die Treppen hochhastete schien auch die politische Diskussionslaune zu verebben; Dr. Obama hatte wohl die Stadt verlassen.



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