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Gesundheit – 30.08.2011

Lobreden auf Schokolade und Polypille

Jetzt ist es offiziell, titelt die Pressemitteilung der European Society of Cardiology: Schokolade ist gut fürs Herz. Denn der in der Schokolade enthaltene Kakao habe antioxidative und anti-inflammatorische Eigenschaften. Er könne helfen, den Blutdruck zu senken und die Insulin-Sensitivität zu verbessern.

Das ist so neu nicht. Vor Jahren hatte eine kleinere randomisierte Studie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2003; 290: 1029-1030) gezeigt, dass bereits der tägliche Verzehr eines Stückchen Schokolade den Blutdruck ein wenig senken kann. Das klappt allerdings nur bei dunkler Schokolade („zartbitter“), nicht aber bei der geliebten Milchschokolade, die kaum Kakao, dafür aber reichlich Kalorien enthält. Drei bis vier Tafeln decken den Gesamtenergiebedarf eines Erwachsenen.

Das Verführerische an der Meta-Analyse, die Oscar Franco von der Universität Cambridge auf dem Europäischen Kardiologenkongress in Paris vorstellte ist nun, dass es angeblich keine Rolle spielt, welche Schokolade man isst.

Auch Schokoriegel, Schoko-Drinks, Kuchen und Desserts wären erlaubt. Die größten Schokoladenliebhaber haben laut Franco ein um 37 Prozent vermindertes Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Selbst das Schlaganfallrisiko soll um 29 Prozent sinken. Da könnte man doch ein wenig Übergewicht in Kauf nehmen.

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Die Sache hat allerdings einen Haken. Die Analyse beruht allein auf prospektiven Beobachtungsstudien (in einem Fall sogar nur auf einer Querschnittsstudie), auf deren Fundament sich nur schwerlich therapeutische Prinzipien bauen lassen.

Schoko-Liebhaber, vor allem wenn sie, wie die Mehrheit am liebsten Michscholade verzehren (die den bitteren Kakao-Geschmack überdeckt), laufen schnell Gefahr, mit hohen Fettwerten und einem steigende BMI zwei wesentliche Risikofaktoren für Atherosklerose und Typ-2-Diabetes mellitus zu entwickeln - ohne dass sie überhaupt eine präventive Wirkung erzielen. Die Effektivität in der Primärprävention kann nur durch randomisierte TherapieStudien belegt werden.

Das weiß natürlich auch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, die in ihrer Pressemitteilung den Vorschlag aufgreift, „den hohen Fett- und Zuckergehalt vieler Schokolade-Produkte zu reduzieren, ohne deren Geschmack negativ zu beeinflussen“. Was soll das ergeben: Eine Kakao-Paste mit künstlichen Geschmacksaromen?

Bei Nausea und Vomitus! Dann schon lieber täglich eine Polypille. Diese andere unsterbliche Patentlösung gegen heutige Zivilisationserkrankungen könnte das Herzkreislauf-Risiko sogar um zwei Drittel senken, verkündete Salim Yusuf von der McMaster Universität in Hamilton/Ontario den europäischen Kardiologen.

Doch die Polypille kommt nicht so recht vom Fleck. Sollte dies daran liegen, dass alle Bestandteile (Thiazide, Atenolol, Ramipril, Simvastatin und ASS) längst Generika sind und sich kein Hersteller für eine große Studie erwärmen mag. Oder sollte das Konzept gar falsch sein, da es keinen Sinn macht, die Mehrheit der Bevölkerung, die niemals an Herzinfarkt oder Schlaganfall erkrankten wird, den potenziellen Nebenwirkungen von gleich fünf Wirkstoffen auszusetzten.

In der letzten Studie brachen immerhin 5 Prozent der Teilnehme die Behandlung ab, weil sie die Polypille nicht vertrugen. Inzwischen wurde die Zahl der Wirkstoffe von fünf auf vier gesenkt (ASS wurde herausgenommen), und in der im November beginnenden TIPS-3-Studie sollen bewusst Personen mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko aufgenommen werden. Die Polypille soll also gezielter eingesetzt werden.

Na also. Auch den Polypillen-Aktivisten scheint zu schwanen, dass es eine dumme Idee ist, die Bevölkerung flächendeckend mit Wirkstoffen zu exponieren – die in klinischen Studien nur bei bestimmten Menschen wirksam sind.

Der konventionelle Weg der Medizin, zunächst nach Gesundheitsrisiken zu suchen und dann Wirkstoffe gezielt zur Primär- und Sekundärprävention einzusetzen, könnte vielleicht doch der sinnvollere Weg sein als eine Polypille für alle. Die Besucher des Europäischen Kardiologenkongress brauchten sich jedenfalls keine Sorgen machen, dass Schokolade und Polypille sie bald arbeitslos machen werden.


Leserkommentare

dr.med.thomas.g.schaetzler am Montag, 5. September 2011, 18:55
Vom Unsinn mit der "Polypille"
Auch wenn es Prof. Salim Yusuf von der kanadischen McMaster-Universität ist, seine Idee ist kalter Kaffee! Unter:

http://www.georgeinstitute.org/about-us/media-centre/first-international-trial-shows-polypill-halves-predicted-heart-and-stroke-risk

findet sich bereits eine Studie im Netz. Dort wurden die kardiovaskulären Ereignisraten von 5,3 Promille (Placebogruppe) auf 2,65 Promille (Verumgruppe) gesenkt. Also einen Unterschied von 0,265 Prozent!

Außerdem gibt es grundsätzliche Bedenken gegen eine ein Mal täglich einzunehmende Fünffach-Kombination von ASS, ACE-Hemmer, Statin, Diuretikum und Betablocker! In j e d e m pharmakologischen Basistext steht, dass selbst extrem niedrige Dosierungen von Betablocker z. B. in Augentropfen bei disponierten Patienten Asthmaanfälle mit Bronchialobstruktion provozieren. Unsinnig ist die Polypille mit zusätzlich ASS, ACE-Hemmer, Diuretikum und Statin auch aus folgenden Gründen:
1. ist die "number-needed-to-treat" (NNT) völlig unterschiedlich. Bei Simvastatin 20 mg weit über 200. Bei Atorvastatin 10 mg über 3,3 Jahre gegeben, war sie in der ASCOT-LLA Studie bei knapp 100. Dies war aber eine industriegeführte, geschönte Primärpräventionsstudie mit Patienten, die bereits eine manifeste Hypertonie hatten.
2. bei Lisinopril ist die NNT über 20, beim vergleichbaren Ramipril 8-15 je nach Studiendesign.
3. ASS zur Primärprävention von Herz- und Hirninfarkt muss man schon knapp 500 Gesunden geben, um ein Ereignis zu verhindern.
4. Bei Diuretika ist mir keine echte Primärpräventionsstudie bekannt.
5. Die "number-needed-to-harm" (NNH) ist bei den von Prof. Yusuf referierten Medikamenten relativ günstig. Aber bei ASS 30-100 mg tgl. gibt es vereinzelt lebensbedrohliche gastrointestinale Ulzerationen, Blutungen, Allergien und Non-Responder. Chron. ACE-Hemmer-Husten wird provoziert bzw. ACE-Hemmung ist aus genetischen Gründen bei Farbigen wirkungslos. Ganz im Gegensatz zu üblichen Diuretika vom HCT-Typ, die bei dieser Bevölkerungsgruppe besonders gut wirksam sind (ALLHAT-Studie). HCT erhöht allerdings signifikant die Diabetes-Inzidenz, genauso wie Betablocker, die auch wegen anderer Nebenwirkungen („Reduktion der Reproduktion“) für eine akzeptable Primärprävention ungeeignet sind.
6. Der Gipfel sind allerdings Statine. Die können sehr selten aber wirkungsvoll zum Tod durch Rhabdomyolyse führen. Warum diese Substanzgruppe in einigen Ländern rezeptfrei erhältlich ist, bleibt mir schleierhaft. Auch Yusuf scheint nicht mehr bewusst zu sein, dass Bayer mit dem weltweit vermarkteten Cerivastatin "Lipobay/Zenas/Baycol" tausende von Schadenersatzklagen wg. Todesfällen und schweren Gesundheitsschäden in den USA am Halse hat. 2001 wurde das Präparat global vom Markt genommen.
Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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