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Vom Arztdasein in Amerika – 23.08.2011

Darf ein Arzt Teilzeit arbeiten?

Vor einigen Monaten machte ein Artikel in den USA und damit auch bei uns in unserem Minnesotakrankenhaus die Runde. Dr. Karen Sibert, eine diensterfahrene Anästhesistin und Mutter von vier Kindern hatte in ihrem Artikel „Kündige nicht die Vollzeitstelle“ („Don’t quit this day job“, http://www.nytimes.com/2011/06/12/opinion/12sibert.html?_r=1&src=me&ref=general) in der New York Times provokante Forderungen aufgestellt: Wer einmal sein A zum Arztberuf gegeben habe, der müsse nun einmal mit dem B der Belastung leben.

Es dürfe keinen Teilzeitgedanken geben als Arzt und wer Teilzeit arbeite, verstoße gegen seinen Berufsstand und letztlich sei nur Teilverfügbarkeit unethisch dem Patienten gegenüber. So einige ihrer vielen Aussagen.

Unter uns Assistenten entbrannten heftige Diskussionen über diese Thematik, wohl unter anderem weil mehr als 50% der Assistenten bei uns weiblich sind und die meisten von uns Kinder und damit auch außerärztliche Verpflichtungen besitzen.

Letztlich ging es zwischen uns hin und her, ob man als Arzt sich gesellschaftlich einsetzen müsse, quasi ununterbrochen zur Verfügung zu stehen habe wie von Dr. Sibert gefordert oder das Arztsein vielmehr ein Dienstleistungsverhältnis sei, das durchaus in Schichten aufgeteilt werden könne und in dem auch Raum für Teilzeitarbeit sei.

Interessanterweise taten sich kaum Fronten auf und fast unisono sahen wir junge Ärzte als natürlich an, dass manche von uns Teilzeit arbeiten werden und auch dürfen, sahen Dr. Sibert als ein Fossil einer untergehenden ärztlichen Denkens- und Handlungsweise an.

Man denke auch an die vor wenigen Jahren implementierten Arbeitszeitrichtlinien der EU, nach welcher nun nur noch bestimmte Wochenstunden gearbeitet werden darf, Gerichtsurteile nach denen Bereitschaftsdienst als Arbeitszeit zu gelten habe usw.

Auch wenn man wie ich noch die Ansicht vertritt, dass ein Arzt stets für den Patienten da zu sein habe (wobei ich selbst auch für Teilzeitmodelle bin) und gerne auch Freizeit opfern würde, um einem Patienten zu helfen: Die politischen, gesellschaftlichen, juristischen und organisatorischen Rahmenbedingungen sind nicht mehr hierfür geschaffen; auch wenn man es fordern kann, aber der Arzt ist eben nicht mehr 100% für einen Patienten da, weil dieser hohe Forderungen an ihn erhebt, weil dieser in einem Netzwerk von Spezialisten behandelt werden will und natürlich die modern Medizin sehr komplex geworden ist.

Die Diskussion von Dr. Sibert war nie wirklich eine ernsthafte: Liebe Frau Dr. Sibert, Ihre Meinung ist eine wertvolle, aber die Schlacht ist schon geschlagen. Die Teilzeitbefürworter haben gewonnen, und man kann ohne schlechtes Gewissen seine Vollzeitstelle kündigen und immer noch gute Ergebnisse zeitigen. Auch in den arbeitsintensiven USA.


Leserkommentare

stefan-strick am Mittwoch, 24. August 2011, 10:35
Darf ein Arzt Teilzeit arbeiten?
Wie weit ist die Kollegin Frau Sibert von der Wirklichkeit entfernt?
Ohne gute Teilzeitangebote werden wir zumindest in Deutschland keine ordentliche Pat.-Versorgung in den Krankenhäusern mehr leisten können.
Bewegen muss sich nur die KH-Verwaltung, um die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. In einem Beruf in dem 50 - 80% Frauen sind, müssen Möglichkeiten zur Berufsausübung und Muttersein gegeben sein - Fürs Vatersein wäre ähnliches vielleicht auch nicht schlecht?! Meist sind die finanziellen Rahmenbedingungen hier das Hindernis. Der Pat. bekommt seine 24-h Rundumversorgung, diese durch einen Kollegen -in allein vorzuhalten ist nicht nur unter Arbeitsschutzgesichtspunkten fahrlässig. Also ein Familienfreundlicher Arbeitsplatz wäre das Zauberwort. Die Zufriedenheit der Mitarbeiter -innen kommt dann von alleine. Beruf bedeutet nicht nur Berufung!

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