284/295

Vom Arztdasein in Amerika – 31.08.2011

„Die fachärztliche Ausbildung wird nicht schlechter“

Die neuen Arbeitszeitrichtlinien der ACGME, einer US-Behörde, welche die Assistentenausbildung überwacht, wurden für das Jahr 2011 jetzt veröffentlicht und sind damit bindend (http://www.acgme.org/acwebsite/home/Common_Program_Requirements_07012011.pdf). Nun darf ein Assistent also nicht mehr als 28 Stunden am Stück arbeiten, darf maximal 80 Stunden die Woche arbeiten, muss mindestens einmal die Woche volle 24 Stunden freihaben, darf allerhöchstens sechs Nächte in Folge arbeiten und maximal jede dritte Nacht Dienst haben.

„Um Gottes Willen“, schrien vor kurzem die Chirurgen, „wie soll man da noch lernen können?“

Allen Ernstes herrschte die rege Debatte, ob man mit einer Begrenzung von 80 Wochenstunden und maximal 28 Stunden am Stück genügend Erfahrung als Arzt haben und erhalten würde. Was in Deutschland und Europa gang und gäbe ist mit Arbeitszeitrichtlinien, ist in USA noch ein hart umkämpftes Terrain.

Es war daher für meine Frau und mich eine Umstellung, derart viel zu arbeiten und nicht nur dauernd im Krankenhaus, sondern auch dauernd müde zu sein. Ich habe Glück gehabt mit meinem Programm, da wir durchschnittlich “nur” 65-Wochenstunden arbeiten und damit im Vergleich zu den zwei anderen Programmen vor Ort ein “lasches” Programm sind, dennoch war selbst diese Laschheit eine Umstellung zu meinem vorherigen Arbeitgeber, der sich strikt an die europäischen Arbeitszeitrichtlinien gehalten hatte (was natürlich nicht selbstverständlich ist in allen deutschen Krankenhäusern und wegen des Ärztemangels manchmal nur mit Hilfe von Oberarzteinsatz zu händeln war).

Trösten konnte ich mich bei diesem Arbeitseinsatz nur mit dem Gedanken, dass ich eine solide Ausbildung erhalten und dass ich nur drei Jahre bis zum Facharzt brauchen würde.

Dass die fachärztliche Ausbildung schlechter wird seit Umstellung kann ich nicht bestätigen. Vielmehr sind die neuen Kollegen genauso motiviert wie ich als die Regeln ein wenig laxer waren (wobei sie schon 2009 recht rigide waren im Verhältnis zu vor fünfzehn Jahren), sind genauso lernbegierig und wissend wie ich und, das ist das Schöne, gähnen ein wenig seltener als ich.

Sie werden bestimmt in zwei Jahren auch die eine oder andere Augenringfalte weniger haben, die ich, trotz Leugnenwollens, schon habe. ACGME, weiter so, hoffentlich bald noch ein wenig strenger und nur noch 24 Stunden am Stück Arbeiten dürfen!


Bookmark-Service:
284/295
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs