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Vom Arztdasein in Amerika – 05.09.2011

Darf ein Arzt Geld verdienen?

Es herrscht in der Bevölkerung die Meinung vor, dass ein Arzt seinen Beruf nicht des Geldes oder seines gesellschaftlichen Status wegen zu machen habe, sondern der Empathie halber. Seine Liebe zum Menschengeschlecht soll der Antrieb sein und sein einziges Ziel, das Wiederherstellen dieses wertvollen Gutes “Gesundheit”.

Ich stimme dieser Meinung zu, die meisten, wenn nicht sogar alle meine Kollegen, bestimmt auch.

Wenn ich dann, wie in gestriger Nacht, Extradienst machte und dabei kranke Patienten mit sarkoidoseinduzierter Hyperkalzämie aufnahm, darmkrebsbedingte Kolonstenotiker behandelte (vielmehr die Diagnose stellte und meine chirurgischen Kollegen konsilarisch dann bat, eine Hemikolektomie durchzuführen) oder Menschen intubiere, die eine COPD/OELS (s. Blog „Wer spricht noch deutsch?“) Exazerbation haben, mache ich das, weil ich ihnen helfen will und mir, direkt gesagt, das Medizinische und das gleichzeitige Helfenkönnen sogar richtig Spaß macht.

Natürlich erwische ich mich dabei, wie ich um vier Uhr morgens beim siebten Anruf wegen eines Fiebers klammheimlich ans Bett denke, aber stets bin ich mit meinen Gedanken beim Patienten wie es eben mein Zustand mir erlaubt.

Nach getanem Dienst lief ich dann nach Hause und ließ das Erlebte Revue passieren: Dieses gut gemacht, jenes vielleicht zu zaghaft, dort hätte ich die Antibiotika wohl nicht gebraucht. Dabei dann auch das Wissen, wegen viel Arbeit und vielen Anrufen wohl die 100.000 jeweils, manche sogar deutlich mehr als $1.000.000 gespendet haben.

Nein, ein schlechtes Gewissen muss ich nicht haben, dass ich Menschen geholfen und dabei gut verdient habe. Denn schon jetzt überlege ich, welcher Partei, welcher Organisation, welchem Krankenhaus ich es eines Tages spenden werde sollte ich einst ein Vermögen im höherstelligen  Bereich als dem aktuellen besitzen.

Doch die Frage und Reflexion ist so schnell verflogen wie sie mir kam, denn schon bald denke ich wieder an die Sarkoidose und die Hyperkalzaemie von 14.2 und ob ich neben der Prednisontherapie auch PCP/PJP-Prophylaxe hätte geben müssen.

Gut, dass sein Kalzium am nächsten Tag schon wieder 11.3 ist, und er wieder laufen kann. Eine Etage tiefer wird gerade die Darmstenose behoben und nur die intubierte Patientin braucht noch einen oder zwei Tage länger, ehe sie wieder ohne Tubus atmen und dann wieder ihr Leben leben kann.


Leserkommentare

Henry I am Samstag, 10. September 2011, 23:40
Rückgrat und folgerichtiges Nachdenken
Petrulus hat ein wichtiges Thema angesprochen.
Ich wurde neulich von einem (guten) Freund (der Nichtmediziner ist) gefragt, ob ich denn wegen des Geldes Arzt geworden sei, oder um den Menschen zu helfen.
Dieser Freund von mir ist jeglicher sozialistischer Umtriebe gänzlich unverdächtig und gerade das zeigt, wie weit uns in Deutschland und Europa das folgerichtige Denken vom Standpunkt des freien bzw. mündigen Staatsbürgers bereits abhanden gekommen ist.
Hätte ich einen anderen vergleichbaren professionellen Beruf gewählt, wie zum Beispiel den eines IT-Ingenieurs: Hätte mein Freund mich analog dann auch gefragt "Bist Du IT-Ingenieur geworden wegen des Geldes oder um den Menschen schöne Programme zu schreiben?"?
Sehr wahrscheinlich nicht.
Wir leben in einer verkehrten Welt, in der derjenigen, dessen Beruf zum Nutzen der Menschen dient, vorgeführt wird, von denen, die von dem Sozialsystem in parasitärer Weise profitieren.
Für welchen Beruf ist Deutschland attraktiver: Den Krankenhausarzt mit Überstunden, menschlichen Leid und unzureichenden Ressourcen zur Behandlung seiner Patienten konfrontiert - oder dem wohlbestallten, meinungsfuchtelnden Vorstand einer der zahlreichen "gesetzlichen Krankenkassen", der sich am Zwangsbeitrag der Versicherten labt, die Arbeitsbedingungen verschlechtert und die Produktivität lähmt?
Es sollte allmählich auch unbedarfteren Bürger klar werden, dass der real existierende Sozialismus nichts anderes ist, als eine Staatskapitalismus, in welchen auch das akademische Proletariat ausgebeutet wird und mit die Menschen durch antisoziale Politik gegeneinander aufgehetzt werden.
Schoen, dass es in den USA (noch) anders ist.
Andreas Skrziepietz am Dienstag, 6. September 2011, 19:37
Diskutiert man dieses Problem mit seinen Kollegen am Arbeitsplatz wird man ganz schnell ins "sozialistische" Lager abgeschoben
Einer der größten zeitgenössischen Sozialisten ist Präsident Obama: Billionen für bankrotte Banken - wenn das kein Sozialismus ist. Das ist ja das charakteristische an der politischen Klasse: daß sie anderen stets Dinge predigt, die sie selbst niemals zu tun bereit wäre. Z.B. sich an die Gesetze des Marktes zu halten. Die galten nur so lange, bis die Bankrotteure&Spekulanten und die in deren Solde stehende politische Klasse erkannten, daß es zu schwierig für sie ist, diese Gesetze zu befolgen.
advokatus diaboli am Dienstag, 6. September 2011, 16:23
:)
Arzt und Geld – ein sicherlich schwieriges Thema. Vielleicht hilft auch hier – wie bei anderen gewichtigen ethischen Debatten auch – die Erinnerung an das Vermächtnis von C.W. Hufeland: Enchiridion medicum: oder Anleitung zur medizinischen Praxis.

Hier sei der Ärzteschaft das Lesestudium über „Die Verhältnisse des Arztes“ (S. 709 ff.) empfohlen, wonach es nicht ausgeschlossen ist, dass der Arzt nicht nur nicht zum gefährlichsten Mann im Staate wird, sondern vielleicht auch nicht zum „Reichsten“ :).

Ggf. könnten hieraus berufsrechtlichen Normen folgen, die die Ä-MBO bereichern würden, so wie es eben anscheinend Sinn machte, ein Verbot der ärztlichen Suizidassistenz zu verabschieden.
mocca am Dienstag, 6. September 2011, 16:13
Kontakt
Hallo Petrulus,

bin noch im Studium, hätte aber schon einige Fragen an dich!
Wäre es möglich mit dir in Kontakt zu treten?

Grüße

Mocca
hoffmanna am Dienstag, 6. September 2011, 08:54
Und wieder...
...scheint mir nur eine Schlußfolgerung aus den vorangegangenen Kommentaren möglich: jede Form von Extremismus ist abzulehnen! Sicher ist in einem solidarisch finanzierten Gesundheitswesen ein Millioneneinkommen eines Einzelnen nicht darstellbar, eine Bezahlung auf dem Niveau eines 3jährigen Ausbildungsberufs allerdings auch nicht! Das, was ehemalige Mitschüler von mir in all den Jahren verdient haben, in denen ich studiert habe, werde ich bei heutigen Einkommensverhältnissen mit einer Kliniktätigkeit in Deutschland nie aufholen können - daher kann ich auch nur jeden Abiturienten abraten, Medizin zu studieren. Solange nicht ein gesunder Mittelweg gefunden wird, sollte man Nichts schönreden: Die Bezahlung ist beschissen, Punkt!
mamelu am Dienstag, 6. September 2011, 08:43
Nicht das Geldverdienen ist das Problem ...
... sondern womit es verdient wird, so wie es der Kommentar von cbauerfe aus der praktischen Erfahrung heraus angesprochen hat, die wir alle jeden Tag machen (aber vielleicht nicht alle darüber ehrlich zu reflektieren bereit sind). Das Problem des Arztes und vor allem seiner Patienten sowie insgesamt unserer Gesellschaft ist, dass nahezu alle Wege des Geldverdienens im sogenannten Gesundheitswesen auf Krankheit ausgerichtet sind. Dort, wo durch das bezahlte Tun (auch anderer Akteure) tatsächlich Gesundheit auf menschliche und effektive Weise entsteht, ist das in Ordnung. Es handelt sich dabei allerdings nur um einen Teilbereich des jetzigen Geschehens. Es muss deshalb ein Umdenken stattfinden, auch wenn einem "das Medizinische" noch so Spaß macht.
Im alten China wurden die Ärzte (nur) für die Gesundheit der Bevölkerung bezahlt. So geht die Formel auf: Je gesünder die Menschen, desto besser geht es ihren Ärzten (analog müsste das im übrigen im Bildungsbereich auch für die Lehrer gelten). Heute gilt bei uns das gegenteilige Prinzip, nur dass die zunehmende Geldknappheit den krankheitsbedingten Verdienstautomatismus des Arztes einschränkt. Auch wenn das alte China-Moddell eine altbekannte Leier ist - es hat von seinem Charme nichts eingebüßt und gewinnt vielmehr jeden Tag an Aktualität hinzu.
cbauerfe am Dienstag, 6. September 2011, 05:42
Darf ein Arzt Geld verdienen?
Ich moechte meinem jungen Kollegen hier in den USA ja nicht den Idealismus nehmen. Die Realitaet in unserem kapitalistischen System sieht leider haeufig ganz anders aus. Ich arbeite auch schon sehr lange in diesem Land und habe als Paediater im Vergleich zu Deutschland ein sehr schoenes Einkommen (moechte mich gar nicht beklagen). Zu einer Spende von $1.000.000 reichts aber nicht. Das System wird leider allzu oft von vielen ausgenutzt. Es ist dabei egal ob in eigener Praxis oder als angestellter Arzt. Da verdient schonmal ein Chefarzt Paediatrie um die $500.000 jaehrlich und keiner versteht so recht wofuer. Ein Kardiologe liegt mal leicht > 1 Mio. Um dieses Geld reinzuholen wird schon mal gerne ein Herzkatheter "extra" gemacht; oder bei Oma aus dem Altersheim (95 Jahren alt mit Alzheimer) wird noch mal eben eine Kolonoskopie durchgefuehrt. Anschliessend wird sie dann auf der Intensivstation bis zum bitteren Ende beatmet. Dies sind keine Ausnahmen. Da fragt man sich schon mal wo die Empathie geblieben ist und da bleibt schon ein bitterer Beigeschmack. Ganz nebenbei fragt man sich dann auch, wieviel diese horrenden Einkommen Anteil haben an der Misere des amerikanischen Gesundheitssystems. Diskutiert man dieses Problem mit seinen Kollegen am Arbeitsplatz wird man ganz schnell ins "sozialistische" Lager abgeschoben und die Diskussion ist beendet!

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