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Vom Arztdasein in Amerika – 15.08.2011

Grand Rounds – die große und manchmal großartige Visite

Eine virtuelle Visite, weil kein Patient, dafür aber Ärzte vorhanden sind, das ist es, was „Grand Rounds“ sicherlich ist. Aber auch mehr als nur das. Abgeleitet von „rounds“, also der medizinischen Visite und „grand“, jenem schwammigen Begriff, der meistens „groß,“ gelegentlich aber auch „großartig“ bedeuten kann.

Groß ist sie alleine schon aus personeller Sicht, weil der Großteil der sie abhaltenden Fachabteilung anwesend ist, in unserem Fall manchmal bis zu mehr als 100 Zuhörern. Manchmal ist sie dann auch noch großartig, wenn das Thema und der Patientenfall geschickt gewählt und gut präsentiert worden sind.

Wie läuft denn so eine Große Visite ab? Einmal die Woche, frühmorgens (nun ja, 7 bis 7:30 Uhr), trifft sich die Fachabteilung in einem großen Hörsaal. Es gibt auch einen Fortbildungspunkt für Anwesenheit, neben Kaffee und kleinem Fruehstück ein kleiner Anreiz. Es übernimmt dann der Chefarzt – oder bei uns gelegentlich sein langsam in Rente gehender Vorgänger – die Regie und führt durch den zu präsentierenden Patientenfall: „49-jährige Patientin mit Schwäche wurde vor zwei Monaten aufgenommen.

Eingangsuntersuchung ergab „XY, Laborwerte Z“ und befragt dann einen der anwesenden Fachärzte, was als nächstes gemacht werden soll. So baut sich der Fall über 20 bis 30 Minuten zu einem Klimax auf, der dann manchmal glücklich, oft jedoch, der Dramatik wegen, unglücklich endet.

Dann kurzes bedrücktes Schweigen ehe der präsentierende Arzt, meist Assistent in fortgeschrittener Ausbildung, aufsteht und ein interessantes, wenig bekanntes, seltenes oder nur bedingt erforschtes Thema vorstellt. Natürlich anhand eingehender Literaturrecherche und auf dem neuesten Stand der Dinge, hoffentlich sogar aktuellerem Stand als die meisten Anwesenden haben.

An der Intensität der anschließenden Diskussion und der Dauer des Beifalls – wobei hier nicht politiküblich in Minuten, sondern in Sekunden gezaehlt wird – wird dann ermessen, ob man eben eine große oder gar eine großartige Visite, eben ein Grand Rounds, gehalten hat.

Als Assistent im nunmehr dritten Jahr fällt mir in wenigen Tagen die Aufgabe zu, solch eine Praesentation zu geben. Den Anzug für die Präsentation habe ich herausgesucht und feile nun seit zwei Monaten an meiner Präsentation: Eine 49-jährige Leberzirrhotikerin, die unserem Krankenhaus und hiesigen gastroenterologischen Praxen sehr gut bekannt war und wegen einer blande erscheinenden Panzytopenie aufgenommen worden war.

Knochenmarkbiopsie, Basaldiagnostik und symptomatische Therapie, das waren die Eckpunkte ihres Krankenhausaufenthaltes. Bis sie dann 24 Stunden vor angestrebter Entlassung spontan zerebral einblutete und ich statt der Entlassung den Exitus letalis durchzufuehren hatte: Hirntod und Extubation mit anschließender Apnoe.

Der Fall bewegte mich sehr lange. Was hätte ich anders machen können? Was ist denn so anders bei diesen Leberpatienten und ihrer Koagulopathie? Gibt man bei einem INR von 1,7 Vitamin K? Plasmakonzentrat?

Diese „große Visite“ werde ich zum Anlass nehmen, über die Gerinnungsstörungen bei Leberkranken zu sprechen. Ich habe sehr gründlich die Datenlage gesichtet und für mich Nichtgewusstes und sehr Interessantes herausgefunden. Natürlich habe ich gemischte Gefühle angesichts dieser Präsentation, bin sozusagen freudig-nervös, diese Präsentation zu halten. Vor mehr als 100 Ärzten spricht es sich nicht ganz so leicht trotz fortgeschrittener Weiterbildung.

Aber sicher bin ich mir: Es wird wirklich eine große Visite werden. Insgeheim hoffe ich sogar auf eine großartige. Schade nur, dass ich diese Patientin nicht auch im Zuschauerraum sehen werde – innerlich habe ich ihr aber diesen Vortrag gewidmet.


Leserkommentare

Andreas Skrziepietz am Mittwoch, 17. August 2011, 18:31
und ich statt der Entlassung den Exitus letalis durchzufuehren hatte:
Großartig! Freud hätte das gewiss als Beispiel in die "Psychopathologie des Alltagslebens" aufgenommen.

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