442/554

Gesundheit – 14.07.2011

Asthma: Placebo überlistet Patienten, aber nicht die Lungenfunktion

Placebos wirken manchmal wahre Wunder, doch ob sie wirklich wirksam sind, ist umstritten. Effekte werden in der Regel nur bei Erkrankungen gesehen, in denen sich die Wirkung nicht objektiv messen lässt.

Die Zahl dieser Erkrankungen ist groß. Neben psychischen Leiden zählen auch eindeutig organische Erkrankungen wie chronische Rückenschmerzen dazu. Es ist nicht der Röntgenbefund, der den Patienten zum Arzt führt, sondern der Schmerz, der selten mit den Veränderungen an den Bandscheiben übereinstimmt.

Wenn ein Placebo wirkt, kann dem Arzt dies nur Recht sein. Als Heiler handelt er im Interesse des Patienten, es sei denn er unterlässt eine wirksame Therapie, die langfristig die Situation des Patienten verbessern würde.

Ein gutes Beispiel zur Placebo-Wirkung ist die GERAC-Studie. Die Scheinakupunktur war hier doppelt so gut wirksam wie eine alleinige konventionelle Therapie. Und die echte Akupunktur, die viele als Placebo betrachten, brachte keine signifikanten Vorteile (Archives of Internal Medicine 2007; 167: 1892-1898).

Einen weiteren Einblick in die wunderbare Welt der Placebo-Wirkung erlaubt eine aktuelle Studie zum Asthma bronchiale (NEJM 2011; 365: 119-26). Auch beim Asthma besteht kein Zweifel, dass es sich um eine organische Erkrankung handelt. Was den Patienten zum Arzt führt, sind wiederum subjektive Symptome der Atemnot (und nicht etwa objektive Folge eines Sauerstoffmangels im Blut).

zum Thema
Medikamente wie das beta-Sympathomimetikum Salbutamol verschaffen oft eine rasche Linderung. Bei milden Formen wirkt aber auch ein Placebo. In der randomisierten Studie von Ted Kaptchuk vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston stuften die Patienten die Wirkung von Placebo und Salbutamol gleich gut ein.

Bei den Auswirkungen auf die Lungenfunktion gab es aber klare Unterschiede. Der FEV1-Wert verbesserte sich unter Placebo um 7 Prozent, unter Salbutamol dagegen um 20 Prozent. Eine Verbesserung um 7 Prozent wurde auch in zwei Vergleichsgruppen erzielt.

In der einen Gruppe wurden die Patienten im Wartezimmer vertröstet und dann nach Hause geschickt. In der zweiten Gruppe erhielten sie eine Scheinakupunktur, die übrigens die subjektiven Symptome ebenso gut linderte wie eine Placebo-Pille oder der echte Wirkstoff.

Da die objektive Besserung ausbleibt, ist der Einsatz von Placebo beim Asthma ethisch fraglich. Wenigstens auf die inhalative Steroidtherapie, die den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflusst, sollte keinesfalls verzichtet werden. Der wahre Könner setzt beides, Medikament und Placebo ein. Placebos sind im ärztlichen Alltag verbreiteter, als die meisten Ärzte annehmen.

Der Editorialist Daniel Moerman von der Universität von Michigan in Dearbor zählt auch den Arztkittel dazu oder die Aura, die die apparative Medizin umgibt: Geräte, mit denen man ins Herz und ins Gehirn sehen kann, beeindrucken die Patienten zutiefst. Auch der Praxis-Computer, die Architektur und der zweite Hubschrauberlandeplatz vor der Klinik können die positive Grundeinstellung zu einer bevorstehenden Besserung durchaus fördern.


Bookmark-Service:
442/554
Gesundheit
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika