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Gesundheit – 27.06.2011

Globale Trends: Diabetes statt Hunger

Nach Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) litten im letzten Jahr weltweit 925 Millionen Menschen an Hunger. Vor allem in den sieben Ländern Bangladesh, China, Kongo, Äthiopien, Indien, Indonesien und Pakistan verfügen viele Menschen nicht über genügend Nahrungsmittel.

Dem stehen 347 Millionen Menschen gegenüber, die 2008 an Diabetes erkrankt waren, die meisten davon am Typ-2-Diabetes. Diese Menschen leiden darunter, dass ihr persönliches Nahrungsmittelangebot größer ist als ihr Bedarf. Denn auch wenn Gene die Prädisposition des einzelnen Menschen zur Insulinresistenz beeinflussen, steht fest, dass es ohne Überfluss keinen Typ-2-Diabetes mellitus gibt.

Die Trends sind gegenläufig. Laut FAO ist der Anteil der Hungernden an der Gesamtbevölkerung der einzelnen Entwicklungsländer seit den 1970er Jahren zurückgegangen. Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums ist die Gesamtzahl der Hungernden dagegen stabil gewesen.

Beim Diabetes erklären demografische Faktoren zwei Drittel des Anstiegs. Die Zahl der Diabetiker nimmt zu, weil es mehr Menschen gibt und diese immer älter werden. Ein Drittel des Anstiegs ist aber der zunehmenden Überernährung oder besser Fehlernährung zuzuschreiben. Ein bezeichnender Befund der Global Burden of Metabolic Risk Factors of Chronic Diseases Collaborating Group ist, dass der globale Nüchternblutzucker derzeit pro Dekade um 0,08 mmol/l ansteigt.

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Zu den zynischen Realitäten gehört, dass sich manchmal in den gleichen Ländern zwei Gruppen von Menschen gegenüberstehen. Die einen wissen nicht, wo sie etwas zu essen herbekommen sollen, die anderen sind verzweifelt, weil sie den ständigen Anreizen zur Nahrungsaufnahme nicht widerstehen können. Oft sind es von ihrer Herkunft her die gleichen, einfachen Menschen mit geringer Bildung und niedrigem Einkommen.

Grotesk ist die Situation, weil Hunger die beste, aber sicher auch die bitterste Medizin gegen einen Typ-2-Diabetes mellitus ist (nebenbei hat sie weniger Nebenwirkungen als einige orale Antidiabetika, unter denen die Patienten eher noch weiter zunehmen).

Radikaldiäten können einen Typ-2-Diabetes mellitus innerhalb weniger Wochen beseitigen. Danach beginnt jedoch ein lebenslanger Kampf gegen die Versuchung, dem manche Menschen nur widerstehen, nachdem ihnen der Magen verkleinert oder der Darm verkürzt wurde.

Die Situation schreit natürlich nach einem „Lastenausgleich“. Denn im Prinzip müssten die Nahrungsmittel ja nur auf Laster verladen und an die richtige Stelle geschafft werden, um beiden Leiden, Hunger und Diabetes, entgegenzuwirken. Dazu wird es nicht kommen. Man muss eher befürchten, dass dort, wo der Hunger besiegt wurde, sich der Diabetes ausbreitet.


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