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Gesundheit – 19.05.2011

Biologisches Alter: Fragwürdige Labortests zur Lebenserwartung

Wie sind meine Überlebenschancen? Wie viele Jahre habe ich noch? Ärzte beantworten Fragen zur Lebenserwartung ungern. Zum einen möchten sie ihre Patienten nicht verunsichern, zum anderen zeigt die Erfahrungen, dass man sich in dieser Frage sehr leicht täuschen kann.

Nun, Patienten, die trotzdem wissen wollen, wie es um ihr biologisches Alter bestellt ist, können seit kurzem eine Blutprobe an die spanische Firma Life Length schicken. Für 500 Euro erhalten sie eine eine Telomer-Analyse. Telomere sind die Endstücke der Chromosomen. Sie verkürzen sich bei jeder Zellteilung. Danach können sie mittels des Enzyme Telomerase wieder verlängert werden. Doch das funktioniert nicht ewig. Im Verlauf des Lebens werden die Telomere immer kürzer. 

Studien haben gezeigt, dass die Verkürzung der Telomere mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko an Krebs, Herzkrankheiten und anderen Leiden assoziiert ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie die Erkrankungen auch verursachen. Life Length ist vorsichtig genug, um auf der Internetseite darauf hinzuweisen, dass es sich um einen “Biomarker” handelt. Von denen gibt es bekanntlich viele, die prognostische Informationen zulassen.

Framingham-Score und PROCAM-Score zur Abschätzung des Herzinfarktrisikos beispielsweise stehen auf einer ungleich solideren Basis als der Einfluss der Telomerlänge auf die Lebenserwartung. Darüber hinaus ist eine Berechnung kostenlos (das heißt bei Kenntnis der Lipidparameter) im Internet verfügbar. Aber auch hier gilt, dass das Ereignis im Einzelfall nicht vorhersehbar ist.

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Life Length ist das Projekt einer Grundlagenforscherin. Die Molekularbiologin María Blasco aus Madrid hat sich einen Namen in der Erforschung der Telomere gemacht. 2008 erhielt sie den Preis der Körber-Stiftung. Grundlagenforscher bereichern durch ihre Arbeit ohne Zweifel die Kenntnisse zur Ursache und Pathogenese von Krankheiten.

Die klinische Bedeutung ihrer Ergebnisse können sie aber oft nicht einschätzen. Sonst wüsste Frau Blasco: Für die Bestimmung der Telomer-Länge gibt es derzeit keine sinnvolle medizinische Anwendung. Diese würde voraussetzen, dass Patienten auf der Kenntnis der Ergebnisse bestimmte Therapien ergreifen könnten, die dann nachweisbar einen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Erkrankung haben.

Life Length hat jedoch schon Schule gemacht. Demnächst will Telome Health aus Menlo Park in Kalifornien einen ähnlichen Test anbieten, wie es heißt für nur 200 US-Dollar. Zu den Gründern gehört Elizabeth Blackburn, eine von drei Forschern, die 2009 den Nobelpreis für Medizin für ihre Entdeckungen zur Rolle der Telomerasen erhalten hat.

Ihre Mitpreisträgerin Carol Greider von der Johns Hopkins University in Baltimore hat diesen Schritt kritisiert. Allenfalls für 1 Prozent der Personen mit den kürzesten Telomeren sieht sie einen prognostischen Aussagewert, der aber ohne jegliche Konsequenzen für den Patienten ist. Außer einem wirtschaftlichen Gewinn für die Betreiber der Labor ist in der Tat kein Nutzen zu erkennen.


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