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Gesundheit – 26.04.2011

25-Jahre Tschernobyl: Alles halb so schlimm?

Anlässlich des Gedenktages und der aktuellen Ereignisse in Fukushima wirkt die Übersicht, die US-amerikanische Radioonkologen im New England Journal of Medicine über die kurz- und langfristigen Risiken von Reaktorunfällen veröffentlicht haben, schockierend.

Von der German Angst vor der unsichtbaren Strahlung ist in dem Beitrag von John Christodouleas und Mitarbeitern der Universität Philadelphia, die täglich mit ionisierenden Strahlen umgehen, nichts zu spüren. Streng sachlich werden die gesicherten Fakten dargelegt.

Gerade einmal 134 Patienten, Mitarbeiter des Reaktorbetreibers oder des Interventionsteams, haben gesichert eine akute Strahlenerkrankung entwickelt. Von Strahlenschäden unter den Legionen der Liquidatoren ist keine Rede.

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Was nicht exakt belegt ist, findet keine Eingang in die Übersicht. Auch das Krebsrisiko in der Umgebung des Reaktors wird eher als gering betrachtet. Während unter den Atombombenüberlebenden ein Anstieg von Leukämien und soliden Tumoren gefunden wurde, sei dies nach Tschernobyl bisher nicht aufgetreten. Gesichert ist nur ein Anstieg der Schilddrüsenkrebserkrankungen unter Kindern.

Christodouleas zitiert Untersuchungen, nach denen es pro 1 Gray Strahlenbelastung zu einem Anstieg des Risikos um den Faktor 2 bis 5 gekommen ist. Bei einer Hintergrundinzidenz dieses Tumors im Kindesalter von weniger als 1 pro 100.000 ist der Schaden nach Ansicht der Autoren begrenzt, der sich durch die prophylaktische Einnahme von Jod noch weiter vermindern lasse.

Das sind Aussagen, die sich derzeit (noch) nicht einmal (wieder) die Lobbyisten der Kraftwerksbetreiber trauen. Die Wirklichkeit in der Wissenschaft sieht allerdings so aus, dass eine Hypothese so lange gilt, bis sie durch neue Daten widerlegt wird. Die Kultur der Verheimlichung am Ende der Sowjetunion hat vermutlich verhindert, dass die gesundheitlichen Folgen für die Liquidatoren und die evakuierte Bevölkerung exakt benannt werden können.

25 Jahre später und in einem Land mit einer anderen Kultur der Öffentlichkeit sollte sich wenigstens in diesem Punkte etwas ändern. Es wird sicherlich noch eine Flut von Publikationen geben, die ein genaueres Bild von den gesundheitlichen Konsequenzen von Fukushima entwerfen werden.

Aufschlussreich ist eine Analyse von Nature und der NASA. Danach leben bei mehr als der Hälfte der weltweit betriebenen 211 Atomreaktoren mehr Menschen in der 30-Kilometer-Umgebung als in Fukushima Daiichi. Dort sind es 172.000. Bei 21 Reaktoren müssten sogar mehr als 1 Million Menschen ihre Koffer packen, wenn sich ein ähnlicher Unfall ereignen würde.

In der Umgebung von sechs Reaktoren sind es jeweils mehr als 3 Millionen. Und in der Umgebung von 152 Reaktoren gibt es mehr als 1 Millionen Bewohner in der Umgebung von 75 Kilometern, der bei einer ähnlichen Katastrophe nur die Hoffnung auf günstige Windverhältnisse bliebe.


Leserkommentare

dr.med.thomas.g.schaetzler am Dienstag, 26. April 2011, 23:29
Man kann wirklich nicht nicht kommunizieren (P. Watzlawick)
Bitte das 'nicht' in der letzten Zeile streichen. Danke
dr.med.thomas.g.schaetzler am Dienstag, 26. April 2011, 23:06
Ein Blog von REM hätte mir besser gefallen
Der Blog zu "25 Jahre Tschernobyl" ist einfach nur peinlich. Zum einen, weil gleich eingangs mit der "German Angst" kokettiert wird, zum anderen, weil die NEJM-Arbeit gar nicht verstanden wurde, und die Nature-Publikation fiktiv-theoretischer Natur ist.

Christodouleas et al. haben eben nicht aus klinischer Therapieerfahrung selbst berichtet, sondern nur aus WHO/IAEO-Sekundärquellen zitiert. Dabei wird unterschlagen, dass es einen Geheimvertrag gibt, der zwischen der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEO im Jahre 1959 geschlossen worden war, um die WHO zu zwingen, "keine wissenschaftlichen Untersuchungen und keine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, keine Maßnahmen zu propagieren ohne vorherige Genehmigung durch die IAEO":
http://www.independentwho.info/WHA_12_40_EN.php (Vertrag)

Das ist auch der Grund, weshalb die sonst um Gesundheit und Wohlbefinden der Welt so besorgte WHO 25 Jahre nach Tschernobyl keinen abschließenden Krankheits- und Folgenreport publiziert hat.
http://www.independentwho.info/accueil_DE.php (Kommentare und Aktionen)
Laut IAEO sollen durch die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl "weniger als 50 Tote" zu beklagen sein. Dies ist ein Schlag ins Gesicht der über 800.000 Liquidatoren, die von den Aufräumarbeiten eines explodierten Reaktorgebäudes bis zum provisorischen Abschluss eines jetzt bereits brüchigen 'Sarkophags' Leib und Leben riskierten und zu etwa 100.000 auch verloren haben sollen:
http://www.aerztezeitung.de/panorama/k_specials/tschernobyl/default.aspx?sid=650941

Im Blog heißt es so entlarvend: "Was nicht exakt belegt ist, findet keine Eingang in die Übersicht". Und dann wird so getan, als gäbe es beim Fallout nur ein wenig Jod 131 und 133, das mit "rechtzeitiger" Einnahme von Jodidtabletten beherrschbar sei. Verschwiegen wird die Fülle von z. T. extrem langlebigen radioaktiven Isotopen wie Cäsium, Strontium, Radium und Plutonium, die derzeit in Fukushima eine große Rolle spielen.

Es ist schon eine verrückte Welt, wenn japanische Onkologen fordern, sofort Stammzellen von Fukushima-Arbeitern zu entnehmen, um diese bei späteren Leukämien mit autologer KMTX-Transplantation versorgen zu können. Wenn man deutsche Beton-Hochleistungspumpen der Firma Putzmeister (miss-)braucht, um eine Kernschmelze mit Wasser zu verhindern, das dann hoch radioaktiv belastet, ungehindert in den Pazifik abfließen darf. Oder wenn ein „sicherer“ Sarkophag, der ein „harmloses AKW“ umhüllt, nach knapp 25 Jahren derart zerbröselt, dass man ganz hektisch einen Neuen bauen muss.

Aber die Publikationen im NEJM und in Nature stehen nicht isoliert. Sie kennzeichnen eine wesentliche Grundlage unserer westlichen Meinungs- und Gedankenvielfalt. Davon konnte und kann weder in der nach Tschernobyl untergegangenen UDSSR noch aktuell in Japan und auch in Zukunft in der aufstrebenden Atommacht VR China nicht die Rede sein.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Literatur:
Fazel R, Krumholtz HM, Wang Y, Ross JS, Chen J, Ting HH, Shah ND, Nasir K, Eistein AJ, Nallamothu BK: Exposure to low-dose ionizing radiation from medical imaging procedures. N Engl J Med 361: 849–857, 2009

Little MP, Wakeford R, Tawn EJ, Bouffler SD, Berrington de Gonzalez A: Risks associated with low doses and low dose rates of ionizing radiation: Why linearity may be (almost) the best we can do. Radiology 251: 6–12, 2009

Mettler FA, Huda W, Yoshizumi TT, Mahesh M: Effective doses in radiology and diagnostic nuclear medicine: A catalog. Radiology 248: 254–263, 2008

Tubiana M, Feinendegen LE, Yang C, Kaminski JM: The linear no threshold relationship is inconsistent with radiation biologic and experimental data. Radiology 251: 13–22, 2009

Danke an den Kollegen Dr. med. Bernd Hontschik, FA für Chirurgie, für seine Informationen:
http://www.hontschik.de/chirurg/rundschau/110423%20Sakrosankt.pdf




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