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Unterwegs – 19.04.2011

Das falsche Geschlecht

Dieser Tage las ich eine Meldung, die mich nicht überraschte (ich meine – welche Meldung überrascht einen noch wirklich?!): Die Gesundheit von Frauen in der Dritten Welt werde schlecht geschützt. Mädchen und Frauen, zum Beispiel in Asien, seien benachteiligt gegenüber Jungen und Männern, würden diskriminiert und müssten zudem häufig um Diskretion fürchten, so wurde in dem mir vorliegenden Bericht der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation für den Westpazifik, Shin Young-soo, zitiert.

Die Bilder waren sofort da – vor meinem inneren Auge: ich sah die Frauen – verhüllt – die ich noch vor wenigen Wochen auf dem Land in dem indischen Bundesstaat Haryana gesehen hatte. Frauen, die sich in die Ecke drückten, um nicht gesehen zu werden. Sie wollten nicht gesehen werden, weil ihre Rangordnung innerhalb der Gesellschaft als niedriger gilt. Sie sind die letzten, die bei einer Erkrankung zum Arzt gehen.

Ich erinnerte mich an die Gespräche mit einer Frauenärztin in Vietnam, die mir in einem Hinterzimmer eines abseits gelegenen Cafés in der Hauptstadt des Landes Hanoi davon erzählte, wie junge Mädchen sich mithilfe von Ästen versuchten ihres ungewünschten Nachwuchses zu entledigen, da sie sich nicht trauten, einen Arzt aufzusuchen. Denn Diskretion, bestätigte mir diese Ärztin, gebe es in öffentlichen Kliniken nicht. Und deshalb seien diese jungen Frauen auch ganz schnell von der Schule oder aber von ihrem Arbeitsplatz verschwunden.

Plötzlich war auch das Bild von diesem spärlich ausgestatteten Gesundheitszentrum auf dem chinesischen Land wieder da, das zu 60 Prozent Patientinnen aufsuchen, die für ihre Behandlung nicht zu zahlen in der Lage sind. Ich erinnerte das Bild von einer alten Frau, deren Infusionsschlauch an einem Nagel an der Wand befestigt war.  

Nicht zuletzt kreisten meine Gedanken um die Gespräche hinter vorgehaltener Hand über den Wunsch vieler indischer Familien, einen Jungen zu bekommen – und deren Abtreibungen weiblicher Föten. Kommen die Kinder doch zur Welt, leidet ihre Gesundheit vom ersten Tag an, nicht zuletzt, weil es ungewollte Mädchen sind.

Die Worte von Shin Young-soo klangen bei der Erinnerung an diese Bilder irgendwie hohl – „die Gesellschaften müssten mehr für die Gesundheit dieser Frauen tun und die Regierung müsse mit gutem Beispiel vorangehen“.

Doch was mehr will der WHO-Regionaldirektor auch sagen, was bleibt ihm anderes als immer wieder auf die Schwachstellen vieler Dritte-Welt-Länder hinzuweisen und zum Handeln aufzufordern? Ändern können diese Situation tatsächlich nur die einzelnen Gesellschaften – und auf die haben wir leider nur bedingt Einfluss.


Leserkommentare

mertenma am Mittwoch, 4. Mai 2011, 14:24
Religionen
Ja, da haben Sie wohl Recht. Religionen können vieles zerstören.

Wir sind einen ganzen Schritt weiter in Deutschland, wenngleich der Weg noch längst nicht vorbei ist.

Mit vielen Grüßen, M. Merten

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