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Gesundheit – 18.04.2011

Sexismus: US-Chefchirurg tritt nach Editorial zurück

Es ist unklar, welcher Teufel Lazar Greenfield geritten hat, der bis gestern Vorsitzender des American College of Surgeons war. Vielleicht hatte der 78-jähriger Emeritus der University of Michigan School of Medicine Langeweile, vielleicht sehnte er sich zurück an seine Zeit als aktiver Chirurg mit den Männergesprächen im Operationssaal, die in der Erinnerung vielleicht lockerer erscheinen, als sie es in Wirklichkeit waren.

Vielleicht war er es auch nur Leid seiner Frau jedes Jahr am 14. Februar Geschenke machen zu müssen. Was auch immer die Motivation gewesen sein mag, das Editorial, das Greenfield anlässlich des St. Valentinstags in “Surgery News”, dem Vereinsblatt des American College of Surgeons veröffentlichte, sollte gründlich in die Hose gehen.

Greenfield leitet den Feiertag von dem christliche Märtyrer Valentinus (es soll seiner mehrere gegeben haben) ab, kommt dann aber plötzlich über die Vorliebe von Drosophila für stärkehaltige Nährmedien auf die Rädertierchen zu sprechen, die unter ungünstigen klimatischen Bedingungen von der ungeschlechtlichen auf die geschlechtliche Fortpflanzung wechseln, ein guter Anlass für eine chauvinistische Randbemerkung.

zum Thema
Es folgen einige Gedanken über die angebliche Synchronizität des weiblichen Zyklus in Frauen-WGs, um dann zum Kern zu kommen: der antidepressiven Wirkung des männlichen Samens, die tatsächlich einmal Gegenstand einer Umfrage unter Collegestudentinnen war: Frauen, deren Partner Kondome benutzten, hatten höhere Werte in der Beck-Depressionsskala angegeben (Arch. Sex. Behav. 2002; 31: 289-93).

Kommentar Greenfield: Jetzt wissen wir, dass es ein besseres Geschenk zum Valentins-Tag gibt als Schokolade. Das fanden nicht alle witzig. Es hagelte Proteste von den weiblichen Chirurgen, denen es auch in den USA schwer fällt in die Männerdomäne Chirurgie einzudringen. Der Frauenanteil unter den US-Chirurgen beträgt 10 Prozent, während sie unter den Studenten die Mehrheit bilden.

Im 22-köpfigen Vorstand des American College of Surgeons sitzen nur 5 Frauen. Der Fall wurde an das Women in Surgery Committee verwiesen, das die Äußerungen des Vorsitzenden als extrem beleidigend einstufte. Es kam zu Rücktrittsforderungen, denen sich Greenfield am Wochenende beugen musste.

Alle Entschuldigungen hatten dem eigentlich renommierten Chirurgen, Mitentwickler eines nach ihm benannten Vena-Cava-Filters, nicht geholfen. Die letzten Wochen dürften ihm den Rest seines Leben in Erinnerung bleiben. Der Verband hat das Editorial (gleich mit dem gesamten Heft) von seiner Seite genommen. Es wurde an anderer Stelle jedoch sogleich wieder eingestellt und der allgemeinen Kommentierung übergeben.


Leserkommentare

Beaker am Samstag, 7. Mai 2011, 11:16
Typisch westliche Wissenschaft
"Der Frauenanteil unter den US-Chirurgen beträgt 10 Prozent, während sie unter den Studenten die Mehrheit bilden."

Wie hoch war der Anteil der Studentinnen vor 10 Jahren? Wie lange braucht eine Studentin, bis sie Chirurgin ist? Warum wäre der Anteil der Chirurginnen nicht sofort 100%, wenn wir *heute* 100% Studentinnen hätten? Wie hoch wird der Anteil der Chirurginnen in 10 Jahren sein? Und wie lange dauert es, bis man in den Vorstand des American College of Surgeons kommt?

Dieser Artikel disqualifiziert sich selbst, weil er die Ausbildungszeit von Chirurginnen nicht beachtet. Versehen oder Propaganda? Und was von beidem wäre schlimmer?

Wie so oft wird zu feministischen Zwecken der Blick auf völlig irrelevante Aspekte gelenkt. Feminismus ist Sexismus. Wer sich nur für die Belange von Frauen einsetzt, ist Sexist, und wer dann auch noch die Wahrheit verschleiert, um für Frauen Vorteile herauszuschlagen, wie z.B. die Förderung von Chirurginnen, der ist kriminell.

Wir können morgen nur einen Anteil von 50% Chirurginnen realisieren, wenn wir

1. entsprechend vielen männlichen Chirurgen sofortiges Berufsverbot aussprechen,

2. weibliche Chirurginnen ernennen, ohne daß diese auch nur ansatzweise die entsprechenden Fähigkeiten besitzen und in dem Beruf überhaupt arbeiten wollen,

3. beide Maßnahmen entsprechend kombinieren.

"Vielleicht war er es auch nur Leid seiner Frau jedes Jahr am 14. Februar Geschenke machen zu müssen."

Mit Befremden nehme ich diese Aussage zur Kenntnis. Greenfield wird hier verspottet unter Zuhilfenahme des Klischees, Männer machten ihren Frauen nur gezwungenermaßen Geschenke. Für einen Ehemann sei es eine belastende Mühe, der Ehefrau Geschenke zu machen. So gesehen wären solche Geschenke wesentlich weniger wert. Sie könnten nur als Erfolg der Ehefrau gewertet werden, genug Druck auf den Ehemann ausgeübt zu haben, so daß er ihr nun ein Geschenk macht.

Dieses Klischee ist eine schwerwiegende Beleidigung, und nicht der Scherz von Greenfield. Und nicht nur daß! Durch die Förderung dieses Klischees wird Männern die Möglichkeit genommen, ihren Ehefrauen Geschenke zu unterbreiten, die so bewertet werden, wie sie gemeint sind, nämlich als persönlich motivierte Geschenke an die geliebte Frau und nicht als notwendiges Übel oder Bestechung, wenn man sich eine Frau halten will.

Insofern ist die Förderung des Klischees in einem derart offiziellen, öffentlichen und oft gelesenen Artikel weder zurücknehmbar, noch entschuldbar.

Es ist erschreckend, daß in einem Umfeld wie dem Deutschen Ärzteblatt ein Artikel erscheint, der eine vermeintlich beleidigende Bemerkung eines hochkarätigen Chirurgen und Wissenschaftlers mit einer derart gesellschaftsschädlichen Gegenbeleidigung zu torpedieren sucht. Ein solches Verhalten wird dem ärztlichen Berufsstand nicht gerecht!
cyberdoc am Dienstag, 19. April 2011, 08:46
Es empfiehlt sich wie so oft das Original zu lesen
Es ist schon erstaunlich, welche Wellen ein (vielleicht nicht ganz geglückter) Scherz in den USA schlägt. Es handelt sich um ein Editorial und keinen wissenschaftl. Artikel.
Allerdings hätte Greenfield sich eigentlich denken können, welche Rektionen er auslöst - gerade in den USA.
Aber die aus meiner Sicht wichtigere Frage bei der Bewertung von Greenfield ist doch: Wie war/ist der Mann im Umgang mit Frauen im wahren Leben? Hat er Frauen im Job benachteiligt oder sexuell belästigt?
Es heisst nicht ohne Grund: "NIcht nach ihren Worten, sondern nAch ihren Taten sollt ihr sie beurteilen"
Wenn man über Sex-Themen keine Scherze mehr machen darf, wird das Leben ja noch öder

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