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Gesundheit – 12.04.2011

Ist der Arzt der bessere oder schlechtere Patient?

Stellen Sie sich vor, sie haben Darmkrebs und es gibt zwei Optionen. Beide Operationen verlaufen bei 80 von 100 Patienten ohne Komplikationen und erfolgreich: Diese Patienten sind geheilt. Von den übrigen 20 Patienten sterben nach Operation 1 in den folgenden 2 Jahren 16 Patienten am Krebs. Die anderen vier werden geheilt. Sie müssen aber mit dauerhaften Nachteilen leben.

Diese bestehen bei jeweils einem Patienten in einer Kolostomie, einer chronischen Diarrhö, einer intermittierenden Darmobstruktion oder einer Wundinfektion. Diese Komplikationen treten nach der Operation 2 nicht auf. Doch hier sterben alle 20 Patienten innerhalb von 2 Jahren. Wie würden Sie sich entscheiden? Was würden Sie Ihrem Patienten empfehlen?

In einer Umfrage unter US-Ärzten gaben 37,8 Prozent der Mediziner Operation 1 den Vorzug. Sie zogen die vier Prozent höhere Überlebenschance vor und nahmen eine eingeschränkte Lebensqualität in Kauf. Ihren Patienten würden nur 24,5 Prozent der Ärzte zu diesem Weg raten.

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Im zweiten Beispiel ist die Vogelgrippe ausgebrochen. Die Letalität beträgt 10 Prozent. Weitere 30 Prozent müssen für etwa eine Woche hospitalisiert werden. Es gibt (in dem geschilderten Szenario) eine Behandlungsmöglichkeit: Ein neues Immunglobulin senkt die Sterblichkeit und Hospitalisierungsrate um die Hälfte. Es sterben also nur 5 Prozent und 15 Prozent müssen über eine Woche hospitalisiert werden.

Doch die Behandlung ist riskant: In den Studien starben ein Prozent behandlungsbedingt, weitere 4 Prozent sind nach der Behandlung auf Dauer an den Rollstuhl gefesselt (Paralyse der unteren Extremität). Wie würden Sie sich entscheiden? Was würden Sie Ihrem Patienten empfehlen?

In der Umfrage verzichteten 62,9 Prozent der Mediziner lieber auf die Immunglobulinbehandlung, ihren Patienten würden sie jedoch nur zu 48,5 Prozent davon abraten.

Wie kommt es, dass Ärzte für sich andere Entscheidungen treffen, als sie ihren Patienten nahelegen? Sind Ärzte risikobereiter als Sie dies ihren Patienten zutrauen (Beispiel 1)? Oder sind sie anfälliger gegenüber einem Phänomen der Selbsttäuschung, das Psychologen als “betrayal aversion” bezeichnen: Dabei ist die Abneigung, durch eine Behandlung (Immunglobuline) getäuscht (Tod) zu werden, so groß, dass eine Alternative bevorzugt wird, die mit fünfmal höherer Wahrscheinlichkeit zum gleichen Ergebnis (Tod) führt. Oder sollte für Ärzte die Existenz im Rollstuhl schlimmer sein als der Tod? Was meinen die Leser von aerzteblatt.de? Kommentare erwünscht.


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