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Gesundheit – 11.04.2011

Molyneux-Problem: Indische Augenärzte lösen Frage der Aufklärung

Im Jahr 1688 schrieb der irische Philosoph William Molyneux seinem Berufskollegen John Locke, damals einer der führenden Vertreter der Aufklärung, einen Brief. Dort heißt es: „Angenommen: ein erwachsener, blind geborener Mann, der gelernt hat, mit seinem Tastsinn zwischen einem Würfel und einer Kugel … zu unterscheiden, und der mitteilen kann, wenn er den einen oder die andere betastet hat, welches der Würfel und welches die Kugel ist. Angenommen nun, Würfel und Kugel seien auf einem Tisch platziert, und der Mann sei sehtüchtig geworden. Die Frage ist: Ob er in der Lage ist, durch seinen Sehsinn, bevor er diese Gegenstände berührt hat, sie zu unterscheiden und mitteilen kann, welches die Kugel und welches der Würfel ist?”

Dies war damals kein reines Gedankenspiel. Es ging um eine zentrale Frage der Erkenntnistheorie. Mit dem Molyneux-Problem beschäftigten sich neben Locke unter anderem noch Berkeley, Leibniz, Voltaire, Diderot und von Helmholtz. Locke war ein Vertreter des Empirismus.

“Nihil est in intellectu quod non (prius) fuerit in sensibus.” Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre, lautete eine seiner Leitideen. Danach besitzt der Mensch keine angeborene „gottgegebenen“ Ideen und Begriffe.

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Locke beantwortete die Antwort deshalb negativ: „Nein. Der Mann wisse zwar aus Erfahrung, wie sich eine Kugel und wie ein Würfel anfühle, allein er wisse noch nicht aus Erfahrung, ob das, was sein Gefühl so oder so errege, auch sein Gesicht so oder so erregen müsse, und dass eine vorstehende Ecke in dem Würfel, die seine Hand ungleich drückte, seinem Auge so erscheinen müsse, wie es bei einem Würfel geschehe.“

323 Jahre später beantwortet Pawan Sinha, ein Wissenschaftler des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, die Frage der Empiriker, auf eine Weise wie Locke es sich gewünscht hätte, nämlich durch ein empirisches Experiment.

Ermöglicht wurde dies mit Hilfe von 5 Kindern, die durch eine Operation im Alter von 8 bis 17 Jahren erstmals ihre Sehfähigkeit erlangten. Vier Kinder litten seit der Geburt an einer beiderseitigen Katarakt, das fünfte Kind hatte eine beidseitige Hornhauttrübung. Beides kann heute operativ korrigiert werden. Um diese Operation zu ermöglichen, hatte Sinha 2003 die Stiftung Project Prakash gegründet.

Für das Experiment hatte Sinha Legosteine zu Paare von ähnlichen Figuren zusammengebaut. Die Paare unterschieden sich nur unwesentlich. Die noch blinden Kinder lernten aber schnell sie zu unterscheiden. Nach der Operation wurden sie erneut untersucht.

Natürlich konnten sie weiterhin die ertasteten Gegenstände unterscheiden. Auch als die Gegenstände vor ihnen ausgelegt wurden, konnten sie diese unterscheiden. Sie konnten allerdings den Tastbefund nicht auf den Sichtbefund übertragen, also um beim Molyneux-Problem zu bleiben, sagen, welcher von den gesehenen Gegenständen rund und welcher eckig ist.

Damit ist die philosophische Frage im Sinne Lockes gelöst. Der Mensch kann die Erkenntnissen aus dem Input eines Sinnesorgans nicht auf den Input eines anderen übertragen. Das entspricht im Übrigen auch den Erfahrungen anderer Neurologen, die immer wieder berichten, dass Patienten nach derartigen Operationen eine gewisse Zeit benötigen, um sich zurechtzufinden.

So war es auch bei den Probanden der Studie. Ihre Probleme waren aber nur kurzzeitig. Schon nach wenigen Tagen waren sie in der Lage die ertasteten Figuren korrekt zu benennen, wenn sie ihnen vorgelegt wurden.


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