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Lesefrüchtchen – 21.03.2011

Wie Chefarzt Böhmer (Sachsen-Anhalt) Politiker wurde

Professor Dr. med. Wolfgang Böhmer (75), der alte Chefarzt, der er im Grunde auch als Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt blieb, ist eine Ausnahmererscheinung in der Politik. Er scheidet freiwillig aus. Er hat sich von der Partei nie reinreden lassen. Er hat sich im politischen Show-Gesschäft rar gemacht. In den Medien ist er deshalb lange unterschätzt worden. Erst jetzt erkennt man dort, dass er "der fähigste" (R. von Lucius, FAZ am 20. März 2011) unter den Ministerpräsidenten war.

Böhmer war ein Quereinsteiger, ein unabhängiger Mann, der sich nicht mehr beweisen musste. Mit 55 ging er in die Politik, mit 66 wurde er Ministerpräsident. Eine Karriere, wie sie nur in Umbruchzeiten möglich ist. Zuvor arbeitete er rund 30 Jahre als Gynäkologe, zuletzt als Chefarzt am Paul-Gerhardt-Stift in Wittenberg. 30 000 Entbindungen habe er gemacht, rechnete er bei einem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt mal vor.

In der DDR habe er zu denjenigen gehört, "die der Meinung waren, sie wüssten alles besser und vor sich hin meckerten", offenbarte er im Interview. Und zur CDU sei er nach der Wende eher zufällig gekommen. Es hätte auch die SPD sein können. Er sei aber aus der CDU "angesprochen" worden.

In den Landtag habe er sich wählen lassen, weil er diesen mit den früheren Bezirkstagen (der DDR) verglichen habe, und "die tagten einmal im Vierteljahr nachmittags". Als er den Irrtum bemerkte, habe er das Landtagsmandat zurückgeben wollen, weil er gegenüber den Patienten und Mitarbeitern ein schlechtes Gewissen gehabt habe.

Doch Professor Werner Münch, einer der kurzlebigen CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, brauchte im Kabinett jemanden, der nicht Westimport war, und überredete Böhmer ("Stundenlang hat er mit mir geackert"), Sozialminister zu werden.

Und Böhmer stimmte zu, weil er glaubte, davon "ein bisschen zu verstehen", ging es doch um die Auflösung der Polikliniken und die Umstellung der Krankenhausfinanzierung. Doch kaum hatte Böhmer zugesagt, da rief ihn Münch des Abends an: Der alte Sozialminister stelle sich bockig und wolle nicht wechseln.

Ihm, Münch, fehle aber noch der Finanzminister. Böhmer fand sich plötzlich als Finanzminister wieder, und der politisch kaum erfahrene Ossi-Arzt hatte sich mit einem Haufen Besserwessis (von 271 Mitarbeitern kamen nur 51 aus der Ex-DDR) auseinander zu setzen. Doch, so Böhmer: "Wir haben dann relativ rasch die Fronten geklärt." So begann die späte Karriere.


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