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Gesundheit – 07.03.2011

Frustrierende Suche nach möglichen Herzinfarktgenen

Seit einigen Jahren wird mit enormen finanziellem Aufwand in genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) nach den erblichen Faktoren häufiger chronischer Erkrankungen gesucht. Zu ihnen gehört auch die koronare Herzkrankheit, die nach Einschätzung einiger Forscher zu bis zu 60 Prozent genetisch bedingt ist.

Dies widerspricht nicht notwendigerweise den Ergebnissen der Interheart-Study, nach der der Herzinfarkt zu 90 Prozent durch modifizierbare Risikofaktoren ausgelöst wird (Lancet 2004; 364: 937-952). Auch das Cholesterin unterliegt ja einer genetischen Variabilität, ist aber gleichwohl modifizierbar.

Gerade der große Einfluss des Lebensstils macht es bei der koronaren Herzkrankheit schwierig, die genetischen Ursachen der familiären Häufung zu identifizieren. Denn in den GWAS wird nach genetischen Veränderungen zwischen Kranken und Gesunden gesucht. Wenn die meisten Erkrankungen die Folge von „Umweltfaktoren“ sind, ist es sehr schwer die genetische Spreu vom Weizen zu trennen.

Hinzu kommt, dass die Forscher bei einer GWAS mehr oder weniger unsystematisch vorgehen. Das gesamte Genom wird stichpunktartig verglichen. Dies wird von einigen Forschern mit dem Versuch verglichen, in der Encyclopedia Britannica durch schnelles Querlesen nach Druckfehlern zu suchen.

Es wundert deshalb nicht, dass dem internationalen Coronary ARtery DIsease Genomewide Replication and Meta-analysis (CARDIoGRAM) Consortium um Heribert Schunkert von der Universität Lübeck keine wirklich bahnbrechende Entdeckung geglückt ist, obwohl die Gene von 22.233 Patienten und 64.762 Kontrollen verglichen wurden.

Es wurden zwar 13 neue Risikogene für die koronare Herzerkrankung gefunden und 10 frühere bestätigt. Sie erhöhen das relative Risiko auf einen Herzinfarkt jedoch nur um 6 bis 17 Prozent, was aus epidemiologischer Sicht kein klarer Treffer ist, zumal die Risikogene auch noch bei 13 bis 91 Prozent der Probanden vorhanden waren. 

Für die klinische Medizin lassen sich daraus keinerlei Hilfestellungen ableiten. Die einfache Erhebung der Familienanamnese bleibt aufschlussreicher als jeder Gentest. Ob die Grundlagenforschung von den Funden profitieren wird, bleibt abzuwarten.

Dies wird davon abhängen, welche Funktion die Gene haben, in denen die Abweichungen gefunden wurden. Immerhin drei der 13 neuen Gene scheinen in Regionen zu liegen, die die traditionellen atherogenen Risikofaktoren (nicht nur) der koronaren Herzkrankheit betreffen.

Die Forschung wird sich auf die anderen konzentrieren. Dort werden andere Faktoren vermutet, die beispielsweise die Funktion des Endothels betreffen, das den Ausgangspunkt der Atherosklerose bildet.

Es bleibt aber auch möglich, dass die Investitionen in den GWAS letztlich vergeblich sind, und wesentliche Risikogene übersehen werden. Dies ist deshalb möglich, weil die Mutationen in den Risikogenen nicht bei allen Patienten an der gleichen Stelle liegen müssen. Wenn sie über die gesamte Sequenz eines Risikogens verteilt sind, sind sie schwerer zu erkennen.



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