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Gesundheit – 04.03.2011

Mutation als Religionsstifter

Die Trennung von Rom und die Gründung der Anglikanischen Kirche wird von Historikern auf die vergeblichen Versuche Heinrichs VIII zurückgeführt, einen männlichen Thronfolger zu zeugen. Wenigstens 11, vielleicht sogar 13 Schwangerschaften seiner sechs Frauen endeten mit einer Totgeburt oder die Kinder starben in den ersten Lebensmonaten.

Für die Bioarchäologin Catrina Banks Whitley von der Southern Methodist University n Dallas ist das kein Zufall. Auch die hohe Säuglingssterblichkeit jener Zeit könne zumindest die auffällige Zahl der Fehlgeburten nicht erklären.

Dass sich das Schicksal Heinrichs VIII bei verschiedenen Frauen wiederholte, spricht dafür, dass die Ursache nicht bei den Frauen, sondern beim Monarchen zu suchen ist. Eine mögliche Erklärung für das „atypische Reproduktionsmuster“ wäre eine Blutgruppenunverträglichkeit.

Sie führt bekanntlich während der ersten Schwangerschaft mit einem Antigen-positiven Kind zu einer Immunisierung der Antigen-negativen Mutter. In den folgenden Schwangerschaften wird die Frucht dann von den Antikörpern der Mutter attackiert, was eine Fehlgeburt oder ein stark geschädigtes Kind zur Folge hat.

Dass schon das erste Kind mit Katharina von Aragón starb, scheint dieser These zu widersprechen. Es sei jedoch nicht ausgeschlossen, dass die Immunisierung bereits im frühen Verlauf der ersten Schwangerschaft erfolgte, meint Whitley. Dass das fünfte Kind, die spätere Königin Maria, überlebte, lässt sich dagegen leicht mit der 50 zu 50 Chance erklären, nach der das Kind das “gesunde” Allel der rezessiven Störung geerbt hat.

Die Schwangerschaften von Anne Boleyn sind ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch für eine Alloimmunisierung. Das erster Kind, die spätere Königin Elisabeth I, überlebte, danach kam es nur noch zu Fehl- oder Totgeburten.

Nun gibt es verschiedene Formen der Blutgruppen-Unverträglichkeit. Nur eine erklärt allerdings einige andere Symptome des Patienten Heinrich VIII. Sie bestehen in einer auffälligen körperlichen und psychischen Veränderung, die etwa mit dem 40. Lebensjahr einsetzte. Der attraktive junge König entwickelte ein unmäßiges Übergewicht mit chronischen Beinulzera. Das ließe sich noch auf einen Typ-2-Diabetes mellitus zurückführen.

Die zunehmende körperliche Schwäche, die seine Beweglichkeit schließlich so weit einschränkte, dass er mit einer Sänfte herumgetragen werden musste, passt nur schwer zum Krankheitsbild einer diabetischen Angiopathie. Auch die Wesensänderung, die den König zu einem unberechenbaren tyrannischen Charakter machte, lässt sich nach Ansicht von Whitley eher auf das McLeod-Syndrom zurückführen.

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Es handelt sich um eine seltene X-chromosomale Erbkrankheit, die durch Defekte im XK-Gen ausgelöst wird. Das Gen kodiert das Kell-Antigen, das zu den Nebenblutgruppeneigenschaften gehört. Das McLeod-Syndrom führt nicht nur zu einer Blutgruppenunverträglichkeit in der Schwangerschaft.

Die Patienten entwickeln im späteren Leben auch eine neuromuskuläre Störung. Die Degeneration der Basalganglien führt zu der bei Heinrich VIII beobachteten zunehmenden Bewegungsstörung. Außerdem kommt es zur kognitiven Beeinträchtigung und zu psychiatrischen Symptomen.

Wenn die Forscherin Recht hat, dann wäre die Gründung der Anglikanischen Kirche letztlich auf eine Genmutation zurückzuführen. Die Hypothese könnte überprüft werden. Die Grabstätte Heinrich VIII ist bekannt. Er wurde in der St. George's Chapel in Windsor Castle beigesetzt. Bei einer Exhumierung, um die sich die Autorin jedoch bislang vergeblich bemühte, könnte nach genetischem Material gesucht und das XK-Gen sequenziert werden.


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