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Lesefrüchtchen – 01.03.2011

Guttenberg und der gute Ruf des deutschen Doktors

Kein Wort zu Guttenberg, das besorgen andere schon im Übermaß, aber einige zum wissenschaftlichen Drum-und-dran. Denn das betrifft auch die Medizin.

Am Anfang der Promotionsaffäre und an deren vorläufigem (es könnte ja noch ein strafrechtlicher Nachklapp folgen) Ende stehen besorgte Wissenschaftler. Zu Beginn jener kritische Bremer Professor, am Ende eine Heerschar von Hochschulleuten. Die befürchten, „dass das gesellschaftliche Ansehen der Wissenschaft Schaden zu nehmen droht” (so, stellvertretend für viele zitiert, der Vorsitzende des Wissenschaftsrates Wolfgang Marquardt).

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Die Besorgnis ist nicht unbegründet. Doch wirkte sie überzeugender, wenn aus den Hochschulen  wenigsten eine Hauch von Selbstkritik herausdränge. Nichts davon. Stattdessen mahnende Finger auf andere. Doch wie steht es, insbesondere in jenen Fächern, die in großen Mengen Doktoren produzieren,  um die Auswahl der Doktoranden, deren kontinuierliche Betreuung und um die kritisch prüfende Lektüre der Dissertationen?

Sollte nicht gerade bei jenen Aspiranten, die aus dem Berufsleben heraus promovieren, die wissenschaftliche Motivation, das Zeitbudget und die Kenntnis der formalen Standards besonders sorgfältig überprüft werden? Es mutet kurios an, dass Guttenbergs Doktorvater im Nachhinein „unvorstellbare Mängel” feststellt. Waren die nicht vorher zu erkennen (oder wurden sie vielleicht gar aus Ehrerbietung gegenüber einem gestandenen Politiker zurückgestellt)?

Gewiss, die weit überwiegende Zahl der Promotionen dürfte hohen Qualitätsanforderungen genügen, wie Marquardt versichert, aber ein paar ungenügende können den guten Ruf schnell schädigen. Und die rauszusuchen, ist in erster Linie Sache der betreuenden Hochschulen.


Leserkommentare

marcus.neu am Freitag, 4. März 2011, 08:21
Der Fisch stinkt vom Kopf
Ein schöner weil kritischer Artikel. Ich hoffe, dass die deutsche Wissenschaft diesen Skandal zum Anlass nimmt ihre Mechanismen, insbesondere Betreuung und Kontrolle von Dissertationen, kritisch zu prüfen.

Der nächste entsprechende Skandal aus der Medizin ist bereits im Anflug ...
http://www.badische-zeitung.de/plagiatsaffaere-an-uniklinik-wer-schrieb-von-wem-ab

advokatus diaboli am Mittwoch, 2. März 2011, 08:46
"Über den Tellerrand geschaut"!
Nach dem gestrigen Rücktritt v. Karl-Theodor zu Guttenbergs fordert die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) eine Rückkehr zu traditionellen Wertmaßstäben in der öffentlichen Diskussion und ein eindeutiges Bekenntnis der Politik zu den Grundsätzen guter wissenschaftlicher Praxis. Der Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Prof. Dr. Wolfgang Sandner hat dazu Stellung genommen (vgl. dazu die PM der DPG bei idw-online v. 01.03.11 >>> http://idw-online.de/de/news411251 <<< (html)) und ich möchte hier ergänzen, dass gerade in den Zeiten sog. bioethischer Hochdiskurse sich so manche Ethiker an die„Grundsätze guten wissenschaftlichen Arbeitens“ erinnern mögen.

Es ist auf Dauer unerträglich, wenn sich Ethiker mehr oder minder in die Rolle der „Überzeugungstäter“ begeben und hierbei ganz zentrale Grundrechte zu Grabe tragen wollen und es tunlichst vermeiden, sich auf eine offene Debatte einzulassen, die eben nicht umhin kommt, gelegentlich auch verfassungsrechtliche Binsenweisheiten zur Kenntnis zu nehmen und sich mit diesen ggf. kritisch auseinanderzusetzen.

Nun möchte ich im Detail nicht zur Causa Guttenberg Stellung beziehen, wenngleich es doch schon seltsam anmutet, anhand der „missglückten“ Dissertation einer einzelnen Person zugleich den Untergang der Wissenschaftskultur verkünden zu wollen. Selbst wenn die Dissertation, ggf. auch die Habilitationsschrift erfolgreich gemeistert worden ist, bürgen die „Titel“ nicht stets Gewähr dafür, dass die einzelnen Diskussionsbeiträge in einem Wertediskurs als besonders gehaltvoll erscheinen müssen.
Auch Professoren sollten lernwillig sein und hierbei zumindest die kritischen Stimmen aus ihrer Zunft mit den jeweiligen Argumenten hinreichend würdigen, um so den Grundsätzen guten wissenschaftlichen Arbeitens gerecht werden zu können.

In den bioethischen Hochdiskursen ist dies m.E. nicht immer der Fall, wird doch im „Geiste der Wissenschaft“ eine Debatte geführt, die nicht selten ihre Argumente aus einer „Glaskugel“ bezieht, die allerdings mit einer wissenschaftlich vertiefenden Behandlung ethischer Grundsatzfragen wenig gemein hat und überdies ein Maß an Toleranz vermissen lässt, die als Konstitutionsprinzip freier Gewissensentscheidungen unabdingbar ist.

Nun will ich mich hier nicht zum „Richter“ über eine Person der Zeitgeschichte aufschwingen, zumal ich derzeit nicht weiß, was ich für bedenklicher erachten soll: Der gescheiterte Versuch, akademische Weihen zu erlangen oder nach Erlangung dieser Weihen die unglaubliche Arroganz mancher Wissenschaftler in den vermeintlichen „bioethischen Hochdiskursen“, trotz sog. „Binsenweisheiten“ unbeeindruckt und ungehindert ihre „Mission“ fortzusetzen.

Und in der Tat: Die "Seitenzahl" einer Arbeit ist nicht so entscheidend, ebensowenig wie die Zahl der Fußnoten; aber ein wenig mehr darf es denn doch schon sein, wenn uns "Oberethiker" mit ihren Botschaften konfrontieren und uns in die "moralische Pflicht" nehmen wollen, zumal doch unsere Verfassung sich zu einem pluralen Wertverständnis bekennt und dieses Recht zur Gewissensentscheidung freilich auch den Ärztinnen und Ärzten gestattet ist. Wenn Medizinethiker sich zu "Hohepriester" eines gesamten Berufsstandes aufschwingen, ist es wahrlich um Toleranzprinzip schlecht bestellt. "Der Rauch des Lagerfeuers", an dem die Botschaften gleichsam zu reifen beginnen, nebelt nicht selten den Weg zur Erkenntnis ein und da hilft denn auch weder ein Doktortitel noch sonstige akademische Weihen, die ethischen Nebelbomben letztlich als wissenschaftlich ausgereifte Argumente anzupreisen.
chrelli am Dienstag, 1. März 2011, 19:54
Absolut korrekt
Schuld trifft selbstverständlich ganz erheblich den ach so berühmten Doktorvater Häberle. Es müssen doch Stilwechsel, grammatikalische Besonderheiten, etc. aufgefallen sein. Aber wer liest schon ernsthaft 450 Seiten??Wenn es 200 gewesen wären und er sich nur die Mühe gemacht hätte, ein bißchen umzufomulieren, ein wenig zu straffen, schon wäre alles klar gewesen. Fast ist man versucht, von wirklicher Dummheit zu sprechen.
Ich hoffe sehr, dass Herr Häberle mit zur Verantwortung gezogen wird!
Übrigens: Einstein hat mit einer 17seitigen Doktorarbeit die Welt verändert!!!!!

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